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Blockchain: Vertrauensprobleme lassen sich nicht technologisch lösen

Dresden 15.03.2018
Warum mit dem Hype um Blockchain endlich Schluss sein muss und was die Technologie für sächsische KMUs bedeuten könnte, diskutieren André Pinkert, Managing Director von queo, und Reto Brechbuehl, Managing Director für queo in der Schweiz, im Interview.

Wie lässt sich Blockchain möglichst ohne Fachbegriffe erklären?

Reto Brechbuehl: Blockchain ist ein zentrales Register, was dezentral abgelegt ist. Es ist eine Kette aus verschlüsselten aneinandergereihten Blöcken, wobei ein neu angelegter Block immer auf Informationen des vorangegangenen Blocks aufbaut. Hinzu kommt, dass jede Kette auf alle Systeme in einem Netzwerk synchronisiert wird. Man muss prinzipiell auch zwischen öffentlichen, halböffentlichen und privaten Blockchains unterscheiden.

Und was ist der Mehrwert eines solchen Registers?

André Pinkert: Der Mehrwert, der kommuniziert wird, ist die Transparenz und die Entbehrlichkeit einer Kontrollinstanz. Änderungen am Register werden unabhängig überwacht. Eine zentrale Änderung bedeutet auch dezentrale Änderungen und ist somit nachvollziehbar und sicher. Gerade wenn Prozesse über Unternehmensgrenzen hinaus führen, ergibt der Einsatz von Blockchain, unabhängig von virtuellen oder materiellen Gütern, Sinn. Man erhofft sich durch die deutliche Vereinfachung von Abläufen entsprechende Effizienzsteigerung und einen Bürokratieabbau.

Reto Brechbuehl: Es braucht keinen Mittelsmann mehr, einen sogenannten Intermediär, wodurch man theoretisch niemandem mehr vertrauen muss. Denn wenn eine Information in einem Block geändert würde, müssten auch alle weiteren damit verbundenen Blöcke auf allen Systemen im Netzwerk geändert werden, damit die Manipulation nicht als solche aufgedeckt würde. Da dafür jedoch gewaltige Rechenleistungen notwendig wären, ist eine Fälschung zum jetzigen Zeitpunkt praktisch unmöglich.

Und was ist Blockchain nicht?

Reto Brechbuehl: Es ist nicht Bitcoins, es ist nicht künstliche Intelligenz, es ist keine Fantasietechnologie. Und es ist auch kein Produkt und ersetzt nicht alleine alle Transaktionsprozesse.

Welche Berührungspunkte hattet ihr mit dem Thema bisher?

Reto Brechbuehl: Mich beschäftigt das Thema schon lange. Das zugrundeliegende Konzept fand ich schon von Anfang an spannend. Ich habe Berührungspunkte mit diversen Startups, bei denen man über den Einsatz von Blockchain nachdenkt und auch bereits Prototypen gebaut hat. Die Technologie selbst steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Im Moment scheint mir das Ganze ein übertriebener Hype. Viele sogenannte Blockchain-Spezialisten feuern diesen noch zusätzlich mit viel Fantasie an, haben jedoch oftmals keine Ahnung von dem Thema. Wir sind eben mitten im Hype. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass man kritische Fragen stellt. Macht Blockchain für mein Projekt überhaupt Sinn? Wo setze ich es ein und wo nicht?

André Pinkert: Es gibt viele Kunden, die sich zumindest peripher damit beschäftigen. Es ist Teil unserer Beratung, Antworten geben zu können. Es gibt Geschichten von Leuten, die im Zusammenhang mit Kryptowährungen, insbesondere Bitcoin, zu Geld gekommen sind und das nährt natürlich auch das Mysterium Blockchain. Doch wenn man sich mit der eigentlichen Technologie dahinter nüchtern auseinandersetzt, dann gibt es aus meiner Perspektive momentan erst wenige sinnvolle Anwendungsfälle. Die Mehrwerte werden sich jetzt erst langsam finden und dadurch wird das ganze Thema entzaubert. Es wird greifbarer, nüchterner und vor allem technischer. Dann ist es für viele, die es im Rahmen einer Marketingblase genutzt haben, vielleicht gar nicht mehr so attraktiv.

Welche Auswirkungen seht ihr auf die zukünftige Arbeitswelt?

André Pinkert: Ich sehe – wenn ich ehrlich bin – gar nicht so große Auswirkungen auf unsere Arbeitswelt, die ausschließlich auf Blockchain zurückzuführen sind. Die Art und Weise, wie wir zukünftig Verträge abschließen oder wie Werte bzw. Güter über Unternehmensgrenzen hinweg ausgetauscht werden, könnte durch das Thema Smart Contracts revolutioniert werden. Die damit einhergehende Vereinfachung von Abläufen ist Teil weltweiter Bestrebungen zur Digitalisierung von Unternehmensprozessen und wird damit auch die Art, wie wir arbeiten, verändern, sowie viele heutige Arbeitsplätze überflüssig werden lassen. Damit ist Blockchain für mich ein weiterer „Enabler“ für die Digitalisierung an sich, die durchaus große gesellschaftliche Auswirkungen mit sich bringen wird. Das ist aber noch einmal ein ganz anderes Thema.

Reto Brechbuehl: Ich glaube schon, dass es Geschäftsmodelle gibt, die sich einfach optimal mittels Blockchain-Technologien abbilden lassen. Genau wie es Anforderungen gibt, welche mit anderen Technologien optimal gelöst werden können. Aber radikale Veränderungen? Vielleicht. Das eigentliche Problem, was man mit der Blockchain zu lösen versucht, ist das Problem fehlenden Vertrauens. Doch wenn ich über das Thema Vertrauen nachdenke, dann sind die Probleme oftmals nicht so trivial, dass man sie einfach technologisch lösen könnte.

Welche Veränderungen werden Softwaredienstleister spüren?

Reto Brechbuehl: Für unsere Branche ist es natürlich eine Chance, weil auch die Blockchain-Technologie eine Technologie ist, die für die Digitalisierung eingesetzt werden kann und wird. Wie viele andere Technologien auch.

André Pinkert: Der Hype hilft uns auch. Denn vielleicht erreicht er Branchen oder Personen, die sich vorher nicht mit Digitalisierung befasst haben. So wie wir heute ein großes Spektrum an Technologien kennen und einsetzen, ist es eine weitere spannende Technologie.

Und was bedeutet dies für eure Beratung oder Consultants?

André Pinkert: Ein Consultant sollte auch weiterhin nach dem eigentlichen Ziel fragen. Was will der Kunde erreichen? Und dann eben auch kritisch beurteilen, ob Blockchain dafür überhaupt die richtige Lösung ist, oder ob ich das nicht auch anders realisieren kann? Als Dienstleister sehe ich uns in der Pflicht zu verstehen, was der Kunde wirklich braucht. Ich erwarte von unseren Consultants, dass sie kritisch hinterfragen und nicht blind einem Hype folgen. Über die Auseinandersetzung mit dem Thema werden sie zu einer Lösung kommen und die beinhaltet dann Blockchain – oder auch nicht.

Technologisch gibt es ja jetzt schon Frameworks, die Blockchain für die Umsetzung von Projekten zugänglich machen. Hier werden sich über die Verbreitung dieser Frameworks in den nächsten Jahren Standards etablieren und die mit der größten Marktakzeptanz werden uns sicherlich auch bei unseren Kunden über den Weg laufen.

Was spricht aktuell gegen den Einsatz der Technologie?

André Pinkert: Ich denke, es gibt momentan wenige Dienstleister, die sagen „wunderbar, das machen wir mit Blockchain“. Es gibt derzeit noch eine begrenzte Anzahl an echten Experten, die tatsächlich in der Lage sind, die Technologie einzusetzen. Die Erfahrung baut sich nun schrittweise auf, sie wächst mit den Anwendungsfällen.

Reto Brechbuehl: Viele beschäftigen sich aus dem angesprochenen Hype heraus damit. Ich denke nicht, dass sich genauso viele Entscheider mit irgendwelchen Java-Frameworks oder Datenbank-Engines beschäftigen.

André Pinkert: Die Transaktionen, also das Schreiben ins Register, sind im Moment auch noch ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Es ist wesentlich effizienter Daten in einer Datenbank abzulegen. Man muss zunächst das Problem und die Zielstellung klar definieren. Man darf nicht den zweiten Schritt vor dem ersten gehen. Nicht zu vernachlässigen sind auch die hohen Betriebskosten beispielsweise durch den Energieverbrauch.

Wie muss ich vorgehen, wenn ich das passende Geschäftsmodell habe und die Blockchain-Technologie dafür einsetzen will?

André Pinkert: An erster Stelle erfordert es ein verändertes Mindset, da das Aufsetzen einer Blockchain kein klassisches Projekt innerhalb eines Unternehmens ist. Von Anfang an erfordert es die Einbeziehung aller Partnerunternehmen, um für einen vielversprechenden Anwendungsfall die Technologie sinnvoll einsetzen zu können. Darauf aufbauend sucht man sich entweder einen erfahrenen Partner, oder man sammelt die Erfahrungen gemeinsam mit einem Umsetzungspartner. Ist der Anwendungsfall klar und sind alle Partner im Boot, sprechen wir letztendlich über den Einsatz der bereits erwähnten Frameworks. Für Entwickler, die in der Lage sind, Dokumentationen zu lesen und Anforderungen zu verstehen, ist das einfaches „Doing“. Habe ich als Unternehmen beispielsweise eine eigene Entwicklungsabteilung, dann könnte die sich mit den entsprechenden Frameworks beschäftigen: lesen, verstehen, umsetzen. Dadurch bekommt das Hypethema auch einen ganz anderen Charme und wird zu dem, was es sein sollte: zu einem zielführenden Einsatz einer Technologie. Genauso nähern wir uns dem Thema.

Reto Brechbuehl: Was man nicht vergessen darf, dass man ja kein Problem von A bis Z mit Blockchain löst. Es ist immer nur ein Teil einer Lösung – es ist nie die ganze Lösung. Die entstehenden Transaktionskosten sind allerdings nicht zu unterschätzen, auch wenn es da bereits große Fortschritte gibt. Zudem habe ich mit einer Blockchain eine viel höhere Latenz und insgesamt deutlich höhere Betriebskosten. Außer natürlich bei einer public Blockchain, da werden die Betriebskosten quasi sozialisiert.

Welches Szenario könnte sich für den Einsatz von Blockchain eignen?

André Pinkert: Darüber hatte ich neulich schon eine Diskussion – das Grundbuch, wäre das nicht so ein Thema? Die Buchführung darüber, wer der Inhaber eines Grundstückes ist, könnte ich in einer Blockchain ablegen. Jetzt kann ich mir aber die Frage stellen: Wenn ich das Grundbuch digitalisiere, dann ist das auch mit einer herkömmlichen Datenbank möglich. Früher war es ein Buch, jetzt ist es eine Datenbank und es gibt jemanden, der diese pflegt. Und warum Blockchain? Weil ich den zentralen Datenpfleger, der als hoheitliche Instanz dafür sorgt, dass die richtigen Informationen im Buch landen und da bleiben, einsparen kann. Mit einer umfassenden Anwendung kann ich so weit gehen, dass ich die Instanz „Grundbuchamt“ ausschalten kann. Dafür müssten alle Transaktionen abgebildet werden, die im Immobilienkontext laufen. Dieser Case schafft für mich als Nutzer einen Mehrwert: Weil ich viel schneller an Informationen komme und Änderungen schneller vorgenommen werden können. Ich spare Verwaltungskosten und ich kann das vielleicht sogar als globales Register ausrollen.

Reto Brechbuehl: Ich komme noch mal zu dem Thema des Vertrauens. Ich glaube, wir in Deutschland und der Schweiz haben großes Vertrauen zu unseren Staaten. Deshalb brauchen wir zur korrekten Führung eines Grundbuchs keine Blockchain. Wenn wir aber an Länder denken, in denen es genau an Vertrauen in die Institutionen fehlt, haben wir eine wichtige Grundvoraussetzung für einen nachhaltigen Nutzen von Blockchain-Anwendungen geschaffen.

André Pinkert: Weitere Szenarien finden sich aus heutiger Sicht vor allem bei der Überwachung von Lieferketten. Beim Transport bestimmter Lebensmittel sollten Kühlketten nicht unterbrochen werden, aber ist das für die am Prozess beteiligten Akteure nachvollziehbar? Die Dokumentation erfolgt zum Teil noch auf Papier oder in veralteten Softwaresystemen und wird ein Fall bekannt, dann müssen durch die fehlende Transparenz auf Verdacht große Mengen an Lebensmitteln vernichtet werden, um Verbraucher zu schützen. Bindet man alle Akteure in einem digitalisierten Prozess ein und speichert die relevanten Informationen in einer Blockchain, könnte man diese Transparenz und das entsprechende Vertrauen schaffen, um präzise Informationen über die tatsächlich verunreinigten Lebensmittel zu erhalten. Das klingt großartig, ist für mich auf Basis des heutigen Reifegrades der Technologie und der Vernetzung der Akteure aber noch nicht durchgängig am Markt sichtbar.

Und welchen Nutzen hat die Technologie für Mittelständler? Ist es sinnvoll sich mit dem Thema zu beschäftigen?

Reto Brechbuehl: Die Technologie muss man aus meiner Sicht nach wie vor noch als experimentell bezeichnen. Nichtsdestotrotz ist es nicht verkehrt, sich schon frühzeitig damit auseinanderzusetzen, um überhaupt festzustellen, ob es für mich einen Case gibt oder nicht. Wenn es einen gibt, dann kann ich das weiterverfolgen – gibt es keinen, kann ich das Thema erstmal ad acta legen und wieder ruhig schlafen. Dann fühle ich mich vielleicht nicht wieder von jeder News getriggert, denn teilweise wird es schon so dargestellt, dass Blockchain der Heilsbringer für alles ist. Mögliche Einsatzszenarien für KMUs sehe ich insbesondere auch im Zusammenhang mit IoT.

André Pinkert: Gerade im Mittelstand, wo aktuell viel digitalisiert wird, viele Prozesse über Maschinen vernetzt werden, da entstehen eben auch neue Geschäftsmodelle. Wenn nicht Menschen, sondern Maschinen miteinander reden, wird eine neue Vertrauensbasis gebraucht.

Warum führt queo die Veranstaltung Blockchain und Industrie 4.0 für den Mittelstand durch?

André Pinkert: Um dem sächsischen Mittelstand die Informationen an die Hand zu geben, die er zur Bewertung der Technologie braucht. Nicht ausschließlich getrieben durch Medien und mehr oder weniger sinnvolle Beispielcases – sondern auf einer sachlichen Ebene. Wenn ich die Technologie nutzen will, um Aufmerksamkeit zu erzeugen oder eine Vorreiterrolle einzunehmen, ist das natürlich auch eine Strategie und ich kann den Hype nutzen. Uns ist ein kritischer Umgang mit dem Thema aber viel wichtiger. Aus diesem Grund haben wir Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft und mit verschiedenen Standpunkten zusammengebracht. Wir wollen eine Plattform schaffen, wo sich der Mittelstand auf einer verständlichen Ebene über das Thema austauschen kann – gerade auch im Zusammenspiel mit IoT bzw. Industrie 4.0.

 

Bildquelle: queo/Alexander Peitz

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