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Bloß nicht binden.

Berlin 12.07.2017
Was ist los mit unserer Branche? Pitches sind nach wie vor unbezahlt. Erst recht, wenn der Kunde weiß, wie attraktiv seine Möhre ist. Obwohl sich die Zunft öffentlich für faire Vergütung und bezahlte Wettbewerbspräsentationen stark macht, hinter den Kulissen machen doch alle mit.

Und wenn man mit Agenturchefs offen spricht, sind sich die meisten einig, dass das Geschäft härter geworden ist, die Aufgaben komplexer, die Vergütung schlechter, die Porsches in den Chefetagen seltener.

Einige mögen sagen: Wieso? Bei uns ist das nicht so, läuft doch. Herzlichen Glückwunsch. Alles richtig gemacht. Oder vielleicht auch nur, vor einigen Jahren alles richtig gemacht, als man mit sich mit fetten Retainern frisch gestoßen und große Reserven angesammelt hat.

Doch diese guten alten Rahmenverträge mit Mindestvolumen stehen oftmals gar nicht mehr zu Debatte. Ne, es geht erstmal nur um dieses Projekt. Wir wollen uns nicht binden.

Kunden nutzen Agenturen inzwischen wie Tinder, einfach von Partner zu Partner „swipen“. Wenn die Chemie stimmt, geht’s in die Kiste. Aber bloß nicht festlegen. Da draußen gibts ja noch viel mehr, die man haben kann.

Sicher, viele Agenturen lernen gerade mit diesem Beziehungsstatus zu leben. Sie passen sich an, arbeiten noch schneller. Muss ja.

Darunter leidet vor allem die Qualität. Wo noch vor ein paar Jahren zwei Teams für ein paar Doppelseiten im Spiegel oder einen 30-Sekünder in der Ringpause von Henry Maske noch vier bis sechs Wochen Zeit hatten, muss es jetzt ein Team in der Hälfte schaffen, dafür aber mit viel komplexeren Kommunikationsmaßnahmen.

All das soll möglichst ohne Überstunden geschehen, schließlich hat man seinen Mitarbeitern eine gute Work-Life-Balance versprochen. Und Home-Office, man arbeitet ja vernetzt.

Glückwunsch an die Generation Y. Ihr habt verstanden, worauf es im Leben ankommt. Wie doof war man eigentlich selbst, dass man Nächte in den Agenturen verbrachte, zwischen Pizzakartons und Präsentationspappen? Bestimmt nicht, weil man den Geruch von frisch gelochtem Papier an der Bookletmaschine mochte.

Vielleicht eher, weil Werbung da noch was war. Vor allem in den Kreativschmieden, wie Springer&Jacoby, Jung von Matt und deren Nachkömmlingen, die für große Kampagnen und tolle Kreation standen. Für Kunst statt Schweinebauch.

Von einem Team voller Werbewahnsinniger wurde man dort sofort in den Bann gezogen. Mitgegangen, mitgefangen oder raus. Knallhart.

Aber – wie sagt man so schön – ohne diese Schule, wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Aber wo sind denn heute überhaupt alle? Wenige sind noch in ihrer alten Agentur, vom Junior zum GF. Einige haben sich zurückgezogen oder sind aus dem Karussell geflogen. Viele arbeiten frei. Und die, die sich mit einer Agentur selbstständig gemacht haben, möchten den Erfolg der Elitekaderschule gerne in der eigenen Agentur duplizieren, klappt aber nur selten. Nur bei einigen wenigen – und selbst die müssen sich strecken, vor allem finanziell. Weil der Mitarbeiter-Deal – Leben für zwei Jahre am Empfang abgeben, durchackern, und dafür eine geile Mappe und die Karriereleiter flink hoch – so nicht mehr gilt. Aber genau das bräuchte man heute, um wirklich kostendeckend zu arbeiten.

So sitzen in kleineren Agenturen meist die Chefs am längsten im Büro, um den eigenen Qualitätsanspruch zu wahren. Während das Team schon im Life-Balance-Modus ist.

Aber wollen wir nicht meckern, es gibt auch Lösungen.

  1. Man versorgt die Kunden nur noch. Gibt ihnen, was sie brauchen. Dienst nach Vorschrift, keine Diskussionen, kein Kampf mehr um die gute Idee, keine Extrarunden in der Kreativabteilung. Kurz den Einhorntrend aus dem Netz fischen, fertig ist der Social Media Post der Woche. Influencer unboxing lassen, auf geht das Konzept. Also Generator statt Innovator. Fertig. Früher Feierabend.
     
  2. Man denkt um. Wir haben unser Team umgestellt. Wir setzen mehr denn je auf Mitdenker statt auf Mitläufer. Wir pitchen weniger, kümmern uns intensiv um Neukundenausbau nach erfolgreichem Startprojekt. Und versuchen vor allem inhaltlich oder kreativ spannende Projekte ans Land zu ziehen, auf die das Team, das darauf arbeiten soll, große Lust hat. Dazu lernen wir gerade mehr „Nein“ zu sagen.

Nur eine Sache kann man als Selbstständiger einer kleineren Agenturen wohl weiterhin nicht erwarten: eine tatsächlich ausbalancierte "Work-Life-Balance“.

Immerhin muss man am Abend vor Präsentationen heute nicht mehr Pappen kleben und nächtelang einzelne Bookletseiten aus dem Papierstau entfernen. PDF schreiben reicht völlig. Bloß nicht binden.

 

Zum Autor: Michael Preuss ist seit 1995 in der Kommunikationsbranche. Nach Stationen als Texter und Kreativdirektor bei Meire und Meire, Heimat und Jung von Matt hat er sich 2010 mit seiner Frau Nina mit PREUSS UND PREUSS zu zweit selbstständig gemacht. Heute beschäftigt die Agentur einen weiteren Geschäftsführer und etwa 25 feste Mitarbeiter – in Berlin und Stuttgart.

Bildquelle: PREUSS UND PREUSS

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