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„Eigentlich hätten wir damals überall gründen müssen, nur nicht in Dresden“

Dresden 08.09.2015
Andreas Schanzenbach hat die lokale Konferenz von 99U nach Dresden geholt. Im Interview spricht er über die hiesige Kreativwirtschaft, die besondere Ausrichtung von 99U und warum die Umsetzung von Ideen besonders eines erfordert: die richtige Einstellung.

99U gehört zu Behance, der größten Plattform für Kreative weltweit. Die deutsche 99U Local Konferenz findet nur deshalb in Dresden statt, weil Andreas Schanzenbach, Gesellschafter und Geschäftsführer von CROMATICS und branchenbekannter Paradiesvogel, hier lebt. Er ist einer von 28 so genannten Ambassadors, herausragenden lokalen Kreativen, die visionär denken und den Grundgedanken von 99U überall auf der Welt verbreiten, in Belgrad, Beirut, Hong Kong, Honolulu, Melbourne und vielen anderen Städten. Dafür hat er sich beworben und seine Ideen von modernen Arbeitswelten, Organisationsstrukturen und Unternehmenskulturen vor der Jury vorgestellt. Er sagt:
99U als Plattform gibt es schon recht lange, ich bin ein großer Fan und habe immer alles von ihnen gelesen. Bei mir festigte sich der Gedanke, Formaten, an denen ich partizipiere, etwas zurückzugeben. Sei es, ein Buch zu bestellen, das kostenpflichtig ist oder andere an meinem Wissen teilhaben zu lassen.
Bei CROMATICS beschäftigen wir uns seit geraumer Zeit mit Unternehmensprozessen, und ich beschloss, nach New York zur 99U Konferenz zu reisen. Die Tickets kann man nicht einfach kaufen, man muss sich bewerben. Zur gleichen Zeit gaben die Verantwortlichen bekannt, dass sie weltweit 28 lokale Satelliten für ihre Ideen und ihr Format suchen. Ich habe es als einer von 5000 Bewerbern unter diese 28 geschafft. In Europa gibt es insgesamt nur sechs teilnehmende Städte, dass Dresden dabei ist, ist also wirklich toll.

Was ist an 99U Local anders als an anderen Kreativtreffen?
Der große Unterschied ist, dass es nicht um kreative Impulse oder Ideen geht, sondern um die Umsetzung: Arbeitsprozesse, Unternehmenskultur, anwendbare Tools aus dem Berufsleben.

Was wäre das Beste, was 99U Local in Dresden bewirken könnte, was ist das Ziel?
Die Speaker sind gebrieft, ganz klare Takeaways vorzubereiten, jeder Teilnehmer soll etwas mitnehmen, das er wirklich in seinen Alltag integrieren kann. Wir produzieren als Nachbereitung auch ein eigenes Magazin zur Veranstaltung, in dem wir unter anderem die Talks inhaltlich aufbereiten und so eine Verlängerung in den Alltag bieten.

Nach welchen Faktoren wurden die Speaker ausgewählt?
Sie müssen den Geist von 99U verkörpern. Wir engagieren niemanden, der einfach seine tollen Kreationen und Ergebnisse zeigt. Sondern Menschen, die aufzeigen, welcher Weg zu diesen Ergebnissen führt.
Wir haben für den Auswahlprozess unsere eigenen Coaches und Mentoren eingeladen und eine Mindmap erarbeitet mit Speakern, die wir wertschätzen. Wichtig ist, dass sie auf einer Bühne agieren und das Publikum mitreißen können, denn 99U hat viel mit Coaching zu tun. Die Performance ist bei diesem Format sehr wichtig.

Das zweite Kriterium ist der rote Faden: Wir arbeiten stets auf drei Ebenen, der operativen, der kognitiven und der normativen. Deshalb haben wir je einen Speaker für jede Ebene gesucht. Jenny Gleitsmann, Unternehmensberaterin für Strategiekonzepte und Markenvisionen, besetzt die Normative, Jan Schmiedgen, Designstratege und Innovationsberater, die Operative, und Jürgen Bock, der bei der OTTO Group als Leiter der Personalabteilung für das Teambuilding von 55.000 Mitarbeitern verantwortlich ist, die Kognitive.

Wie schaffen Sie selbst es denn, Ideen nicht allein in ein hübsches Konzept zu bringen, sondern auch tatsächlich umzusetzen?
Rein evolutionsbiologisch und soziologisch betrachtet müssen wir ein Thema, eine Idee, eine Veränderung mindestens 30, manchmal sogar 60 Tage strikt in unserem Alltag durchziehen, damit sie Teil unseres Lebens wird. Ich persönlich halte das sogar für den einfacheren Teil: diszipliniert genug sein, seine eigene Routine zu ändern.


Schwieriger ist die eigene Geisteshaltung: Ich muss in der Lage sein, von meiner eigenen Denkweise abzuweichen und andere Positionen einzunehmen. Dafür gibt es keinen Trick, das ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Ich muss andere Standpunkte akzeptieren lernen und gleichwertig neben meine eigene Haltung stellen.

Dieses Können haben wir bei CROMATICS keine gebürtigen Dresdner wären, säßen wir nicht hier. Wir haben alle viel über den Tellerrand hinausgeguckt, ich war beispielsweise zwei Jahre in London. Für Dresden als Standort haben wir uns entschieden, weil wir Ur-Dresdner sind. Natürlich wollen wir ein Leuchtturm für Dresden sein, denn diese Stadt braucht jede gute Publicity, die sie bekommen kann.

Und fairerweise muss man sagen, dass der Lebensstandard hier gut ist und auch die Infrastruktur okay. Die Kreativwirtschaft entwickelt sich, aber da schlummert noch sehr viel Potenzial. 



Wäre uns in der Gründungszeit bewusster gewesen, dass unsere Reise in Richtung Innovationsfokus und Trends geht, hätten wir in London oder Berlin gründen müssen. Überall anders als in Dresden. Teilweise haben wir in den Anfangsjahren auch damit gehadert, weil wir mehr Anlauf brauchten, den Provinz-Stempel bekämpfen mussten. In Dresden muss noch einiges passieren. Und da reden wir noch nicht mal über die politischen Umstände zur Zeit. 


99U Local Dresden findet am 17. September 2015, 19.00 Uhr im Gerhart-Potthoff-Bau der TU Dresden statt. Der Eintritt ist frei, zur Anmeldung geht's hier.


Fotos: Thomas Schlorke


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