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Innovationstreiber statt naiver „Fehlerfeierkultur“: 10 Tipps wie Unternehmen mit Fehlern umgehen können

Berlin 09.05.2018
Jeder macht mal 'nen Fehler! Die entscheidende Frage in Unternehmen ist jedoch, wie damit umgegangen wird: Ist Misserfolg mittlerweile sexy und gehört zum guten Ton? Werden Fehler blind „weggefeiert“ und verschwiegen? Geben sie Anlass zu besserem Miteinander, echten Innovationen und persönlichem Wachstum? Oder sind sie vielleicht der Anfang vom Untergang? Wir haben uns bei Profis in Sachen echter Fehlerkultur umgehört: Zwei Akademiker und acht Sputnika Agenturen machen vor, wie man mit Fehlern umgeht und dabei das innovative Potential der Mitarbeiter fördert.

Gelebte Fehlerkultur geht nur im Team! Andreas Schanzenbach, Geschäftsführer bei Cromatics:

Wer keine Fehler macht, hat schon lange nichts mehr Neues ausprobiert. Wer aber nur aus seinen Fehlern lernt, ist ebenso zu bedauern, denn die Skalierung von Erkenntnissen, die auf Erfolg basieren, macht einfach mehr Freude. Bei CROMATICS sehen wir Fehler als Entwicklungskonstanten und als Erinnerung des permanenten Lernens. Unser Anspruch ist, denselben Fehler niemals zwei Mal zu machen – dafür braucht es permanente Selbstreflexion, zeitnahe Auswertungen, eine zentrale Dokumentation und den Wissenstransfer im Team. Gelingt nicht immer, aber wir sind auf einem guten Weg.

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Bei großen Fehlern mit emotionaler Nachwirkung und Konfliktpotential für die Zukunft empfehlen wir, externe Hilfe durch einen Coach hinzuzuziehen. Dieser hat den nötigen Abstand, um die tatsächlichen Ursächlichkeiten zu identifizieren und mit uns gemeinsam die passenden Lösungen zu erarbeiten, die niemals auf der operativen Ebene zu finden sind, sondern immer nur auf der Strategie- oder Meta-Ebene. Eine gelebte Fehlerkultur kann nur mit einem Team entstehen, dass auch die dafür notwendigen Fähigkeiten und Qualitäten besitzt. Beides ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Innovationskultur.

Bei Fehlern sucht queo keine Schuldigen, sondern Lösungen

ostecs Software basiert auf der Aneinanderreihung erfolgreich behobener Fehler

Offiziell sind wir keine Kammerjäger, die versuchen jegliche Bugs aus unserem Territorium zu verbannen. Obwohl uns so ein Outfit bestimmt umwerfend steht. Im Gegenteil, ostec sieht Fehler als Teil des Innovationsprozesses. Sie bringen uns voran und helfen uns besser zu werden, ohne den gleichen Fehler zweimal zu begehen. Unsere Waffe ist keine Beneblungsmaschine, bei der sich Fehler in Luft auflösen. Wir setzen bei unserer Softwareentwicklung auf testgetriebene Programmierung, bei der unser Produkt Stück für Stück mit Hilfe von Fehlertests realisiert wird. Die zu erreichende Funktionalität wird dabei vor der eigentlichen Programmierung als Test festgehalten. Der Test schlägt solange fehl, bis wir programmiertechnisch erfolgreich sind. Unsere Software basiert quasi auf der Aneinanderreihung erfolgreich behobener Fehler. Und bei jedem sich einschleichenden Bug meldet sich unser Test zurück. Demnächst auch mit Ton: “I’m back” mit der Stimme von Arnold Schwarzenegger. Dann schmeißen wir uns in unser heiß geliebtes Kammerjäger-Outfit und können schnell und unkompliziert dem Bug den Garaus machen.

"Check: Alle Tests fehlerfrei durchlaufen - ostecs Bugbusters waren erfolgreich"

Bloß kein Kuschelkurs bei Fehlern! Carsten Rasner, Direktor der Steinbeis-Hochschule / School of Management and Innovation

Die gute Botschaft: In vielen Unternehmen ist es nicht verwerflich, dass Mitarbeiter Fehler machen. Im Gegenteil, denn eine Fehlerkultur, die gelebt wird, kann Innovationen und Kreativität freisetzen. Das ist gut und wichtig.

Die schlechte Nachricht: Die heutige, zum Teil sehr blauäugige Start-up-Welt der neuen Generation ist davon überzeugt, dass Scheitern sexy und Misserfolg nicht so schlimm ist. Nein, ist es absolut nicht!

Dennoch müssen wir heute viel mehr aufpassen, dass wir keine „Fehlerfeierkultur“ und „Weg-Nuschel-Mentalität“ entwickeln, bei der wir uns nicht mehr trauen, Fehler professionell anzusprechen, zu kritisieren und insbesondere zu vermeiden. Viele Organisationen gehen mit ihren Angestellten auf Kuschelkurs und scheuen sich vor den unangenehmen Wahrheiten.  Zu einer Fehlerkultur gehört das Zulassen von Fehlern genauso wie das Lernen aus Fehlgriffen. Am Ende des Tages ist jeder Fehler noch immer ärgerlich, aber trotzdem eine Chance zur (Prozess-)Verbesserung.

Fotograf Jürgen Jeibmann lernt von Uhrenmanager Jean-Claude Biver:

Bei meinem letzten Besuch auf der BASELWORLD 2018, der weltweit größten Messe für Uhren und Schmuck, war ich zufällig zugegen, als Jean-Claude Biver sich zu diesem Thema äußerte. Jean-Claude Biver ist einer der herausragenden Manager der Uhrenindustrie, so dass seine Aussage auf viel Erfahrung basiert. Ich war amüsiert zu hören, wie nah mir seine Ausführung zu diesem Thema war. Sinngemäß äußerte er sich wie folgt:

Einen Fehler zu machen sei überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, wir analysieren den Fehler, lernen daraus und werden so mit jedem gemachten Fehler wissender. Fehler sind also eine Einladung und Chance, sein Handeln zu optimieren und besser zu werden.

Einen Fehler zu wiederholen zeuge jedoch bereits von Unaufmerksamkeit. Dies sollte unbedingt vermieden werden und er mahnte in solchen Fällen mehr Achtsamkeit an. Und was, wenn man einen Fehler zweimal wiederhole? Dann sei man "stupid", also ein Trottel. Und wer ist schon gern ein Trottel?

In Alexander Hippes Team bei move:elevator entstehen die wichtigsten Learnings direkt im Projektgeschäft

Fehler sind die effektivste Chance zum Lernen, dessen sollte man sich immer bewusst sein und diese so behandeln. Jedes Unternehmen sollte positiv mit Fehlern umgehen und alle daran teilhaben lassen, um damit gemeinsam besser zu werden. In den 20 Jahren Projektgeschäft haben wir viel erlebt und viele Fehler gemacht. Daraus sind Strukturen, Prozesse, Werkzeuge und viele Learnings entstanden. Fast alle haben mit effektiver und effizienter Kommunikation zu tun. Agile Unternehmensprozesse fördern den Umgang mit Fehlern und den Learnings maßgeblich. Durch Retrospektiven werden auch kleine Unstimmigkeiten aufgearbeitet und transparent gemacht. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum wir ein externen Agile-Coach haben, der Agilität, Eigenverantwortung und Kommunikation im Unternehmen fördert, hinterfragt und begleitet. Man selbst landet sonst immer wieder zu schnell im Tagesgeschäft.

Eine „Fehlerfreikultur“ ist der beste Weg zum Rückschritt eines Unternehmens und blockiert Innovationen. Weil man sich nicht mehr traut etwas auszuprobieren und damit zu scheitern. Wir erleben gerade einen großen Wandel unser Gesellschaft, da ist Stillstand = Rückschritt. Hier können wir alle sehr, sehr viel vom Silicon Valley lernen: Ich selbst hatte das Glück, in diesem Jahr 2 Monate dort zu verbringen und nehme diese Erfahrung nun mit zu move:elevator.

Haben ihre Hausaufgaben gemacht: B2B-Kommunikation bei meeco Communication Services

Als strategische Kommunikationsagentur, die insbesondere in der B2B-Kommunikation für Unternehmen aus dem Energiebereich tätig ist, haben wir unsere gesamte Prozesskette an unsere Kunden angepasst. Wir haben festgestellt, dass unser tägliches Geschäft für Unternehmen aus technischen Branchen, wie beispielsweise der Energiewirtschaft, in vielen Punkten sehr erklärungsbedürftig ist. Vor allem kam es zu Verständnisproblemen, wenn der Kunde produktorientiert und wir kundenorientiert kommunizieren wollten. Dieses Verständnisproblem wollten wir beheben. Deshalb investieren wir nun sehr viel Zeit in die Präsentation und Erläuterung von Zwischenständen und deren Wirkungsweise. Ein Beispiel: Für die Entwicklung von Websites benutzen wir Prototyping-Tools wie Adobe XD oder InVision Studio, damit unsere Kunden live die Entwurfsphase ihrer Website – vor allem hinsichtlich der Struktur, des Wireframings und Designs sowie der Effekte – verfolgen können. Das gibt ihnen frühzeitig die Möglichkeit, Rückfragen zu stellen, erzeugt Verständnis für nötige Zwischenschritte und deckt sehr zeitig abweichende Vorstellungen auf. Im Endeffekt sparen wir damit Zeit, da es im Nachgang kaum mehr Änderungswünsche gibt. Unsere Kunden transparent an der Entwicklung ihrer Kommunikationsmittel zu beteiligen, ist eine wichtige Lektion, die wir gelernt haben und die unheimlich wichtig für unsere heutige Arbeit geworden ist.

 

Ohne Fehlerkultur säßen wir heute noch in der Höhle: Prof. Dr. Jörg Mehlhorn von der Deutschen Gesellschaft für Kreativität e.V.:

Ohne Fehlerkultur säßen wir heute noch in der Höhle bzw. ohne Fehlermachen bei der Jagd nach Beute wären wir damals schnell verhungert. Will sagen:

Innovation und damit Fortschritt ist ohne Fehler gar nicht möglich, Fehler kann nur derjenige vermeiden, der immer wieder das Gleiche tut, sprich Stillstand zementiert. Das ist aber wider die menschliche Natur, denn der Mensch strebt nach Neuem, seien es andere Lebensräume oder bessere Werkzeuge oder neue Methoden bei der Jagd wie zum Beispiel mittels der Gruppe. Aus den dabei gemachten Fehlern lernt der Mensch und entwickelt sich weiter. Daran hat sich bis heute nichts geändert und selbst Tiere lernen so - siehe das Jagen im Rudel - um ihr Überleben zu sichern.

Andererseits gibt es in der hochgradig-arbeitsteiligen Industrie-gesellschaft viele Routineprozesse, bei denen Fehlermachen sehr kost-spielige, im Grenzfall sogar existenzielle Folgen hat, siehe Tschernobyl. Strategien der Fehlervermeidung sind hier zwingend angesagt.

Der Begriff Fehlerkultur muss also beiden Situationen gerecht werden, sprich völlig konträr interpretiert und vor allen von den Führungskräften situations-adäquat vorgelebt werden. Kreative Aufgaben benötigen eine maximale Fehler-Toleranz, wenn wirklich Neues geschaffen werden soll.

Wie viel Scheitern darf bei balleywasl* sein? Lieber gleich das Richtige tun!

Fehler, Scheitern und Misserfolg – für die einen die Basis künftiger Erfolge, für die anderen der Anfang vom Untergang. Und auch wer das nicht schwarz-weiß sieht, denkt schnell über Fehlerkultur nach und damit darüber, wie viel Fehler, wie viel Scheitern sein darf. Das ist nicht zwangsläufig der beste Weg: Geht es doch vielmehr darum, gute Entscheidungen zu treffen. Denn besser als ein Misserfolg, aus dem sich lernen lässt, ist doch, gleich das Richtige zu tun. Angst vor Fehlern ist dafür kein guter Ratgeber, genauso wenig wie Übermut gegenüber Risiken. Vertrauen und Selbstbewusstsein sowie Know-how und passende Ressourcen tragen eher zu guten Entscheidungen bei. Dazu gehören sicher auch Fehler. Die werden passieren. Natürlich ist es wichtig aus Fehlern zu lernen. Mitnichten müssen das die eigenen sein. Aber mindestens genauso wichtig ist es aus Erfolgen zu lernen. Übrigens müssen auch das nicht die eigenen sein.

Wir wollen jeden Fehler nur einmal machen: Ronny Stenzel, Head of Content Marketing bei Clicks Online Business

Im Mission Statement unserer Abteilung steht: „Konstruktives Fehlermanagement - Wir sprechen Fehler und Probleme rechtzeitig, offen und konstruktiv an, um sie im Sinne des gemeinsamen Erfolgs zu überwinden. Wir wollen jeden Fehler nur einmal machen.“

Wie das gelingt? Ein ganz praktischer Tipp ist das konsequente „De-Briefing“ im Nachgang von Projekten. Darin lassen die Projektbeteiligten alles Revue passieren, ziehen persönliche Bilanz und übernehmen auch die Verantwortung. So lernen alle aus dem was gut lief und was nicht so optimal war.

Wichtigste Voraussetzung: Teamleiter müssen sich der Vorbildwirkung bewusst sein und in Bezug auf offene und ego-freie(!) Fehlerkultur bei sich selbst anfangen. Sie müssen die Standards setzen, dass aus Fehlern Erkenntnisse werden, von denen jedes Teammitglied, jedes künftige Projekt und damit am Ende der Kundenerfolg profitiert. Fehler sind dann nur noch die Dinge „die wir beim nächsten Mal anders machen“. Als Teamleiter hast du es geschafft, wenn jeder in deinem Team seine Fehler als Entwicklungsschritte anerkennt anstatt sie verschämt zu verheimlichen. Respekt verliert dabei niemand, mit einer Ausnahme: Man macht halt doch den gleichen Fehler ein zweites Mal ;-)

 

Beitragsbild: balleywasl*

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