201802-Shanghai_Berlin-KI-auf-der-CES-titel.JPG

KI, die eierlegende Wollmilchsau der Tech-Branche?

Berlin 06.02.2018
Von der Stauvorhersage bis zu Echtzeit-Übersetzungen – kaum ein Produkt, dass ohne die neue Technologie auskommt. Wie dies Kunden für sich nutzen können, erklärt Don Dahlman, der sich für Shanghai.Berlin auf der CES umgesehen hat.

Jedes Jahr trifft sich in Las Vegas die Technikbranche auf der Consumer Electronics Messe, kurz CES. Egal ob es sich um neue Smartphones, Fernseher, Spielkonsolen oder selbstfahrende Fahrzeuge handelt – auf der weltgrößten Technikmesse findet man alles. In diesem Jahr stand vor allem ein Thema im Vordergrund: Künstliche Intelligenz. Selten waren sich die Aussteller aus unterschiedlichen Branchen so einig, wenn es um einen neuen Techniktrend ging. Kaum ein Unternehmen möchte in Zukunft auf Produkte verzichten, die mittels künstlicher Intelligenz verbessert werden. 

Gleich zum Start der Messe sorgte der Daimler-Konzern für Aufsehen. Das neue In-Car-Entertainmentsystem, das das Unternehmen vor Ort zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte, verfügt über mehrere Funktionen, die auf künstlicher Intelligenz beruhen. So ist der neue Sprachassistent in der Lage, Befehle interpretieren zu können. Statt „Stelle die Klimaanlage auf 21 Grad“ versteht das System auch Aussagen wie „Mir ist kalt“ und schlussfolgert, dass es die Klimaanlage hochdrehen soll. Die Nutzer sollen mit dem System also völlig normal reden können. 

Ein weiteres Feature des neues Entertainmentsystems nennt sich „predictive behaviour“. Der Rechner analysiert die gesammelten Daten aus Kalendereinträgen und gefahrenen Strecken und leitet daraus Services ab. Fährt man zum Beispiel an einem bestimmten Tag ins Fitnessstudio, rechnet das System schon vor der Fahrt die beste Strecke aus. Wer regelmäßig zu einer bestimmten Zeit zu einem Radiosender mit Nachrichten wechselt, bekommt dies ebenfalls als Vorschlag.

Technisch ist das eine Revolution, die gleichzeitig auch neue Formen des Marketings eröffnet. Denn mit den gesammelten Daten, die den Autoherstellern dann vorliegen, kann man stark personalisierte Angebote machen. Wenn das System weiß, dass der Fahrer oft nach einem japanischen Restaurants sucht, kann er diese Ergebnisse bevorzugen. Für den Besitzer eines solchen Restaurants bedeutet dies, dass sich dieser in Zukunft einen prominenten Platz auf der Vorschlagsliste erkaufen könnte.

Drohnen sind weiterhin ein großes Thema auf der CES. Die Fluggeräte haben neue, mittlerweile zum Teil etwas beängstigende, Fähigkeiten erlangt. Die US-Firma Autel stellte eine Drohne namens EVO vor, die über eine Art Face-ID verfügt. Sie kann Personen aus großer Höhe erkennen, sich auf diese einloggen und verfolgen. Selbst wenn sich jemand in einer großen Menschenmenge befindet, kann die Drohne Kontakt zu dieser Person halten. Gleichzeitig kann die Drohne auch autonom fliegen. Man gibt nur verschiedene GPS-Koordinaten vor, den Flug erledigt das Gerät komplett alleine.

Auch in Sachen Roboter konnte man auf der CES einiges sehen. Besucher waren vor allem vom „Sanbot KingKong“ beeindruckt. Der 100 Kilo schwere Roboter der chinesischen Firma Qihan Technology kann bis zu 80 Kilo ziehen und ist mit einer selbstlernenden, künstlichen Intelligenz ausgestattet. Das Gerät wird in China schon jetzt im Bereich der Zollkontrollen und in Krankenhäusern eingesetzt. Die Sprachsteuerung setzt auf die Weiterentwicklung von Amazon Alexa.

Sprachgesteuerte Geräte sind allgegenwärtig, und Amazonas Alexa steht nun vor einer nachhaltigeren Herausforderung durch Google und seinen Assistenten. Die beiden Riesen scheinen überzeugt zu sein, dass unsere Häuser schon bald den Klang Befehle schreiender Menschen widerhallen werden.

Amazon und Google drängen ihre künstliche Intelligenz in eine Reihe von Anwendungen und Partnerprodukte und erweitern damit das Potenzial, das diese „immer-hörenden-Geräte“ versprechen. Die Frage ist also nicht, wann oder ob die Geräte und die Software mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind, sondern nur, ob man sich dem noch entziehen kann. 

Für Unternehmen bieten sich komplett neue Werbe- und Promotionsmöglichkeiten an. Theoretisch kann jedes Produkt mit einem der bekannten Sprachassistenten verbunden werden, wenn man die technische Anbindung im Backend schafft. Egal, ob ich eine Pizza bestelle oder Blumen für die Schwiegermutter. Sowohl der Bestellvorgang, als auch die Bezahlung findet über diese zentralen Hubs statt.

Unternehmen sollten nicht mehr darauf warten, dass die Verbraucher zu ihnen kommen, um sich beispielsweise über ein Produkt oder eine Dienstleistung zu informieren. Alexa und Co. sind ebenfalls in der Lage, Vorschläge für Produkte zu machen. Das bedeutet, dass man seine IT schleunigst für die Arbeit mit dem Sprachassistenten aufbohren sollte. Denn in Zukunft kann es sein, dass der Besuch einer Webseite dann ebenso zur Vergangenheit angehören kann, wie heute der Blick in einen gedruckten Bestellkatalog.

Eine Voraussetzung damit die neue Technologie reibungslos funktioniert, ist eine gute Datenanbindung. Das könnte in Deutschland tatsächlich etwas dauern mit dem alles-hörenden und -wissenden Internet-Of-Things. Um die robotergesteuerte Zukunft zu erreichen, müssen einige wichtige Verbesserungen an der Basis vorgenommen werden. Die Vision einer intelligenten Gesellschaft hängt auch von einer besseren Bandbreite ab – der schnellen, kabellosen 5G der nächsten Generation. Dabei hat man in Deutschland nicht mal flächendeckend 4G. Kann also gut sein, dass die künstliche Intelligenz zunächst im Datenstau stecken bleibt.
 

Bildquelle: SHANGHAI.BERLIN

Kommentare

Weitere Artikel von SHANGHAI.BERLIN

THE garden – Raum für kollaboratives Arbeiten
Banking im Jahre 2017– ein Rant
Die Gewinner der SCHOTT CERAN® Design Awards stehen fest
#storymonday: Neue Veranstaltungsreihe blickt auf das Digitale Zeitalter