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Leicht verständliche Befunde dank digitalem Ehrenamt: Marketingentscheider im Gespräch - Ansgar Jonietz von Was hab’ ich?

Dresden 07.06.2018
Leicht verständliche Gesundheitsinformationen für Patienten sind unerlässlich für einen bewussteren Umgang mit Erkrankungen und eine bessere Gesundheit -  davon ist Geschäftsführer Ansgar Jonietz von der Online-Plattform "Was hab’ ich?" überzeugt. Im Interview mit Sputnika erzählt er, wie das gemeinnützige Unternehmen die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessern möchte und welche Rolle dabei Eckart von Hirschhausen spielt. Verpasst Ansgar Jonietz nicht als Referenten beim diesjährigen Sommermarketing am 13.06.2018!

Sputnika.de: Ansgar, bitte stell Dich und Dein Unternehmen kurz vor.

Ansgar Jonietz: Auf der Online-Plattform washabich.de können sich Patienten ihre medizinischen Befunde in eine leicht verständliche Sprache übersetzen lassen – kostenlos und anonym. Die patientenfreundlichen Erklärungen werden ehrenamtlich von Medizinstudenten und Ärzten erstellt. „Was hab‘ ich?“ ist als gemeinnütziges Unternehmen wirkungsorientiert: Wir arbeiten seit unserer Gründung im Januar 2011 in vielen weiteren Projekten daran, die Arzt-Patienten-Kommunikation zu verbessern und als selbstverständlichen Bestandteil im Gesundheitswesen zu verankern. Unter anderem haben wir bereits weit über 1.700 Mediziner in patientenfreundlicher Kommunikation ausgebildet. Jetzt sind wir dabei, eine Software zu entwickeln, die auf Basis strukturierter Daten nach einem Krankenhausaufenthalt für jeden Patienten individuelle, verständliche Gesundheitsinformationen erstellt. Ich bin Diplom-Informatiker und seit 2012 geschäftsführender Gesellschafter bei „Was hab‘ ich?“. Schon vorher war ich als IT-Berater selbstständig, habe die Netzmanufaktur GmbH gegründet und bin dort seither ebenfalls als Geschäftsführer tätig. Außerdem studiere ich Gesundheitswissenschaften und promoviere am Lehrstuhl für Allgemeinmedizin der TU Dresden.

Wie groß ist Euer Übersetzerteam und wieviele Befunde übersetzt Ihr im Schnitt pro Monat?

Aktuell engagieren sich etwa 170 Mediziner ehrenamtlich als Übersetzer. Bis heute haben wir fast 36.000 Befunde verständlich erklärt und damit tausenden Patienten geholfen, ihre Erkrankung zu verstehen, ihrem Arzt die richtigen Fragen zu stellen oder gemeinsam mit ihm bewusste Entscheidungen zu treffen. Wir übersetzen ja auch nicht wortwörtlich, wir liefern Hintergründe zum betroffenen Körperteil oder Organ, erläutern die Untersuchung und orientieren uns dabei an den Regeln leichter Sprache. Eine Übersetzung ist so vielfach länger als der Original-Befund – der ehrenamtliche Übersetzer investiert im Durchschnitt fünf Stunden seiner Freizeit. Neben Vollzeit-Job oder Studium! Wir übersetzen jeden Monat etwa 400 Befunde.

Ariane Schick-Wetzel, Ärztin bei Was hab’ ich?

Wie finanziert Ihr Euch?

Für Patienten ist unser Angebot kostenlos. Wir möchten damit sicherstellen, dass jeder Patient, unabhängig von seinen finanziellen Möglichkeiten, eine leicht verständliche Erklärung seines medizinischen Befundes erhalten kann. Viele Patienten spenden nach einer Übersetzung. Wir erhalten auch Unterstützung aus dem Gesundheitswesen, zum Beispiel durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Außerdem finanzieren wir uns durch andere Projekte quer – zum Beispiel haben wir die Website befunddolmetscher.de mit der Weissen Liste gGmbH entwickelt. Die Stiftung Gesundheitswissen unterstützt außerdem die Kommunikationsausbildung der Mediziner. Seit dem Sommer 2017 erhalten wir für unser Forschungsprojekt – die Erstellung des automatisierten Patientenbriefs – eine Förderung aus dem Innovationsfonds der Bundesregierung. Das alles ermöglicht uns die Fortführung unseres Angebots. Natürlich sind wir auch immer auf der Suche nach weiteren Unterstützern.

Ihr seid 2011 als ehrenamtliches Projekt gestartet, mittlerweile eine gemeinnützige GmbH und durch jede Menge Presseberichte auch außerhalb Deutschlands bekannt geworden. Was waren auf diesem Weg Eure erfolgreichsten Kommunikationsmaßnahmen?

Wir haben von Anfang an sehr gute Presse bekommen, unter anderem kurz nach der Gründung eine Einladung in die Talkshow von Markus Lanz. PR ist damit eines unserer wichtigsten Werkzeuge, durch gute Kontakte zu Journalisten und schnelle, offene und transparente Kommunikation gibt es immer wieder den einen oder anderen Bericht über uns, der dann wieder weitere Veröffentlichungen nach sich sieht. Außerdem sind wir regelmäßig auf wichtigen Veranstaltungen rund um Digital Health und präsentieren hier unsere Ideen zur Zukunft des deutschen Gesundheitswesens. Botschafter wie Eckart von Hirschhausen oder die beiden vorherigen Gesundheitsminister tragen ebenfalls sehr zu unserer Bekanntheit bei.

Ansgar Jonietz spricht am 13.06.2018 als Referent beim Sommermarketing des Dresdner Marketing-Clubs. Das #SOMA findet bereits seit 12 Jahren statt und verbindet hochwertige Fachvorträge mit tollen Workshops. Dieses Jahr lautet das Motto "Marke & Gesundheit" und richtet sich an alle, die mit ihrem Marketing-Wissen immer up to date sein wollen. Hier gibt es Tickets für die Abendveranstaltung + die Workshops.

Und welche haben gar nicht funktioniert?

Als gemeinnütziges Projekt haben wir klassischerweise kaum oder kein Budget für Marketing-Maßnahmen. Wenn man allerdings extra für einen Vortrag zu einer Konferenz anreist und dann sitzen da nur neun Zuhörer – dann kann man das sicher unter „machen wir hier nicht noch mal“ verbuchen.

Je mehr Öffentlichkeitsarbeit Ihr macht, desto mehr Befunde erhaltet Ihr wahrscheinlich. Wie findet Ihr das Mittelmaß zwischen Bekanntheit und einem machbaren Maß an Übersetzungsaufträgen?

Natürlich ist uns eine große Bekanntheit wichtig. Sie schafft Aufmerksamkeit für das Thema Arzt-Patienten-Kommunikation und hilft uns dabei, wichtige Partner im Gesundheitswesen für wirkungsvolle Projekte zu gewinnen. Außerdem werden durch die Öffentlichkeitsarbeit auch immer wieder Mediziner auf uns aufmerksam, die sich dann ehrenamtlich engagieren. Dennoch ist die Nachfrage nach Übersetzungen größer als das, was wir leisten können. Daher haben wir schon lange eine Warteliste eingerichtet – Patienten können sich mit ihrer E-Mail-Adresse in dieses virtuelle Wartezimmer setzen und werden informiert, sobald sie ihren Befund einsenden können. Die Warteliste öffnet jeden Morgen um 7 Uhr und schließt, sobald sie für den Tag voll ist. Auch wenn sie also einmal nicht mehr offen ist, hat jeder am nächsten Morgen wieder die Chance, sich einzutragen.

Wie motiviert Ihr eigentlich Medizinstudenten, sich ehrenamtlich bei Euch zu engagieren?

Die Mediziner, die sich bei uns engagieren, sind oft unzufrieden mit bestimmten Bedingungen im Gesundheitswesen und selbst schon sehr motiviert, Patienten zu helfen und zu einer positiven Veränderung beizutragen. Wir versuchen, das digitale Ehrenamt für sie so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu gehören für uns die Integration ins Team von Anfang an, persönliche Telefonate gerade zu Beginn und auch im Rahmen unserer Kommunikationsausbildung und regelmäßige Aktionen wie zum Beispiel unsere jährliche virtuelle Weihnachtsfeier. Mit jeder Übersetzung lernen die Mediziner außerdem das leicht verständliche Erklären und bilden sich gleichzeitig oft auch fachlich noch fort oder frischen Fachwissen auf. Extrem motivierend ist außerdem das Feedback der Patienten: Etwa 90 Prozent aller Patienten melden sich zurück und bedanken sich persönlich bei ihrem Übersetzer. Viele schreiben, dass sie zum ersten Mal ihre Erkrankung wirklich verstanden haben.

Was siehst Du für die nahe Zukunft als Eure größte kommunikative Herausforderung?

Trotzdem es uns so glasklar erscheint: Es gibt noch immer viele Entscheider im Gesundheitswesen, die daran zweifeln, dass leicht verständliche Gesundheitsinformationen für Patienten unerlässlich für deren bewussten Umgang mit ihren Erkrankungen und eine langfristig bessere Gesundheit sind. Wir möchten unsere langjährigen Erfahrungen und unsere aussagekräftigen Forschungsergebnisse nutzen, um zu zeigen, dass es ohne gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient zukünftig nicht geht. Die Argumente, Zahlen und Fakten haben wir – jetzt müssen wir sie nur noch an die breite (Fach-)Öffentlichkeit bringen!

Vielen Dank, Ansgar, für die Einblicke!

Fotos: David Pinzer

 

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