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Was machen eigentlich Citizen Developer?

Dresden 23.04.2018
Das Team hinter NEUARBEITEN erklärt, was „Laienentwickler“ sind und wie Unternehmen ihr Potenzial nutzen können.

Durch Cloud-Computing und Plattformen wie Office 365 entwickelt sich die heutige Arbeitswelt ständig weiter. Immer wieder neue Möglichkeiten, Funktionen und Kombinationen eröffnen sich durch einzelne Tools und Anwendungen. Regelrechte Trends entstehen so. Einer davon: das Citizen Development. Die Köpfe hinter NEUARBEITEN erklären, was man sich darunter vorstellen kann und welche Chancen sich Unternehmen dadurch bieten.

Dem Citizen Development auf der Spur

Aufmerksam wurde NEUARBEITEN auf das neue Phänomen auf dem SharePoint Saturday Northern Germany in Bremen – ein Treffen von Nutzern, Cracks und Leuten aus der Entwickler- und Poweruser-Szene. Dort hielt der Branchenkenner Mike Fitzmaurice einen Vortrag zum Thema „Amateur Development is Not for Amateurs“ (hier geht‘s zum Interview-Podcast mit ihm und Microsoft MVP Michael Greth). Diese Keynote brachte ziemlich genau auf den Punkt, was unter dem Begriff des Citizen Development zu verstehen ist und wie die Branche mit dem Phänomen umgehen sollte.

Das hat Till Bitterlich, Consultant bei NEUARBEITEN, nachhaltig beeindruckt:

„Aus meiner Sicht ein erhellender Vortrag. Denn Fitzmaurice bringt damit etwas auf den Punkt, was sich in vielen Digitalisierungsprojekten oft schon unbewusst wiederfindet. Es wurde aber bisher nur selten so konkret beschrieben und detailliert erläutert – auch wie Profis und Arbeitgeber das pragmatisch nutzen können.“

Das macht Citizen Developer aus:

  • sie sind keine hauptberuflichen Entwickler, aber engagierte Nutzer mit technischem Verständnis    
  • sie wollen Probleme in ihrem fachlichen Arbeitsumfeld lösen    
  • ihre Lösungen sind im professionellen IT-Sinn nicht perfekt, aber funktional und für die jeweiligen Herausforderungen völlig ausreichend

Der Laienentwickler ist also jemand, der kein studierter Programmierer, Designer oder ähnliches ist, sich zur Materie aber hingezogen fühlt oder im Job damit konfrontiert ist. Er schafft mit etwas Improvisationskunst, Copy-and-Paste und der ein oder anderen App Lösungen für die kleinen Ärgernisse des Projektalltags.

Im Prinzip kann man sich die Entwicklung von Business-Anwendungen durch Laien ähnlich wie die Erstellung einer Website mit WordPress vorstellen: Hier ist es ja auch möglich, ohne große Programmierkenntnisse eine simple Webseite aufzusetzen, beziehungsweise zusammenzuklicken. Das Produkt wäre von einem „echten“ Entwickler sicher viel sauberer realisiert worden, aber es funktioniert und erfüllt seinen Zweck.

Wie können Unternehmen das nutzen?

In der Realität haben für eine interne IT-Abteilung immer die Projekte Priorität, die große Auswirkungen auf viele Nutzer besitzen. Nur selten werden Kapazitäten für Problemlösungen innerhalb spezifischer Prozesse freigegeben, wenn sie nur für kleinere Usergruppen relevant sind. Genau in der Bewältigung dieser „Mini-Probleme“ liegt nun die Stärke der wachsenden Zahl an Laienentwicklern. Unternehmen und besonders deren IT-Abteilungen müssen ihr Potenzial nur erkennen und auf die richtige Art fördern. Till Bitterlich meint dazu:

„Durch Citizen Developer lassen sich ohne großen Aufwand neue Kapazitäten erschließen. Bildlich kann man sich das so vorstellen: Durch aufmerksame Betreuung und Coaching durch die IT entstehen kleine pragmatischen Lösungen. Diese können bei Bedarf wie Bausteine an die komplexeren Systeme, Schnittstellen oder Prozesse angedockt werden, unabhängig weiterentwickelt oder mit weiteren Komponenten zu neuen Lösungen zusammengesetzt werden.“

Lagom – die richtige Einstellung wagen

Wie Unternehmen mit der ganzen Sache umzugehen haben: relaxed, lösungsorientiert oder einfach lagom, wie Mike Fitzmaurice sagen würde. Das Wort „lagom“ kommt aus dem Schwedischen. Es gibt dafür keine direkte Übersetzung, aber es bedeutet in etwa „gerade richtig“, „angemessen“, „so viel, wie nötig“ oder „den Erfordernissen entsprechend“. Mike Fitzmaurice brachte dazu in seinem Vortrag eine kleine Analogie ins Spiel: Man stelle sich ein Architekturmodell eines Gebäudes vor. Dieses kann auf zwei Arten hergestellt werden:

  1. Detailgetreu, maßstabsgerecht und teuer, von einem Architektenbüro erstellt. Das Ergebnis ist perfekt.
  2. Mit etwas Geschick und einem Lego-Bausatz selbst zusammengebastelt. Das Ergebnis ist alles andere als perfekt, aber das Gebäude ist genauso zu erkennen und das Modell funktioniert.

Till Bitterlich denkt das Ganze weiter:

„Es braucht einen Wandel in der Wahrnehmung solcher ‘lagom Citizen Development’-Lösungen, auch wenn sie nicht den professionellen Standards einer von der IT erstellten Lösung entsprechen. Dadurch könnten sich die oft ein bisschen introvertiert-konservativen IT-Abteilungen als Coach und Förderer der Laienentwickler positionieren. Davon würde am Ende das gesamte Unternehmen profitieren.“

Tools und Anwendungsbeispiele

Damit beim Citizen Development auch alles glattgeht, nachvollziehbar abläuft und die einzelnen Bausteine problemlos an externe Dienste oder interne Systeme angedockt werden können, gibt es bei vielen Arbeitsplattformen die entsprechenden Werkzeuge. In der Welt von Office 365 sind das zum Beispiel Flow und Powerapps. Sie ermöglichen es, auf einfachem Weg, mit etwas technischem Verständnis und Intuition, aber ohne große Programmierkünste, Lösungen zu finden – Lösungen für die Herausforderungen des Arbeitsalltags wie Außer-Haus-Veranstaltungen.

So kann im Prinzip jeder engagierte Mitarbeiter mit Powerapps in Eigenregie eine App für Offsite-Veranstaltungen seines Unternehmens aufzusetzen. Die möglichen Features: Registrierung (Teilnahme: ja/nein), Tagesordnung, Dokumente, Mitarbeiterbefragung und ähnliches.

Vorstellbar ist auch eine Anwendung für interne Audits mit Checklisten und Fotodokumentationen. Auch Anwendungen für Kosten- und Budget-Monitoring könnten Blitzschnell erstellt werden. Ein weiteres Beispiel: ein mobiler Laufzettel für Mitarbeiter, die neu in ein Unternehmen kommen oder es verlassen und Geräte oder Schlüssel empfangen oder abgeben müssen.

Gut zuhören können

Abschließend rät Till Bitterlich IT-Abteilungen folgendes:

„Finden Sie die Citizen Developer im Unternehmen und hören Sie ihnen zu. Fördern und betreuen Sie sie, stellen Sie ihnen die notwendigen Werkzeuge bereit und holen Sie sie so ins Boot. Sonst werden sie vielleicht künftig eigene Wege gehen …“

 

Bildquelle: StockSnap @ pixabay.com (CCO – Creative Commons-Lizenz)

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