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Woher rührt er, der CROMATICS-Hype?

Dresden 26.01.2016
Woran liegt es, dass diese Agentur auch unter dem Altmarkt Kokain anbauen könnte und dafür umjubelt würde? Die Sezierung eines Image.

CROMATICS beherrscht, was andernorts oft in Konturlosigkeit versinkt: Eigenmarkting. Obgleich allesamt Muggelstämmige, beherrschen sie die magisch anmutende Fähigkeit, in den Oberstübchen der Kreativ-Anrainer die Schublade „Konfettikopf“ komplett zu kapern. Selbst der grauste Herr des regionalen Verwaltungsapparates scheint ihren Namen zu kennen, konservative Banken trauen sich mit ihnen in die streetartlastige Superhelden-Kommunikations-Ecke und alles klatscht, beinahe egal, was CROMATICS tut.
– Wie machen die das? Wir glauben, es ist die Essenz dieser Außenwirkungs-Alchemie:

1.) Klare Positionierung

„Wir absorbieren Trends, flashen auf Zukunft. We shape the future. Dabei ist die Welt unser Spielplatz. Unser Playground.“
– Zitat von der Website der Agentur. Egal, ob der Leser dieses Selbstverständnisses nun Ahnung hat von Urban-Irgendwas, Trend-Soundso und dem generellen Buzzword-Zukunfts-Trallala: Die Kernaussage zu „wer wir sind und was wir machen“ bleibt hängen. Die Agentur zieht ihre Positionierung klar durch und hält sich konsequent von „wir sind strategische Vorreiter in allem, aka Fullservice, und haben ein fabelhaftes Netzwerk für alles andere“ fern. 

Dass dadurch ihr Aufgabenfeld kleiner wird, scheint nicht schlecht, sondern trägt eher dazu bei, dass jeder weiß, was er von ihnen zu erwarten hat: Dass sie bei Bedarf über unzugängliche Themen ihre Portion coolen Kinderfasching pusten, und auch nur für derlei Jobs angefragt werden. Auch in Berlin, wo jeder das will. Aber eben besonders in Dresden, wo sie damit noch immer aus der Masse herausstechen.
Und selbst bei denen, die bisher weder mit ihnen zusammengearbeitet haben, noch recht wissen, was Copetition, Outcome und all die anderen hübschen Begriffe übersetzt in die reale Praxis eigentlich bedeuten sollen, bleibt eine Fortschritts-Assoziation hängen.

2.) Paradiesvogel Andreas Schanzenbach
Dauer-da mit Basecap und gern auch Fliege postet, swarmt, flickrt, teilt, likt „Schanzboy“ sich durch die Weltgeschichte. Er ist eigentlich zu alt, um noch als junger Wilder zu gelten, also hat er sein niemals sattes, bunt-überbordendes Paradiesvogel-Dasein zum Lebensstil deklariert. Nicht als Quoten-Hippie, den man im Kunden-Meeting von der Leine lässt, wenn es hip werden soll. Sein Talent besteht vielmehr darin, wirklich eine Vision zu haben, fest an sie zu glauben – und sie zu teilen, gern mal inflationär. Wer ihm auf welchem sozialen Kanal auch immer folgt, hat nicht selten bereits vormittags den Stream zu 90 Prozent voll mit Andreas Schanzenbachs aktuellem Lieblingslied/-künstler/-projekt, geteilten Artikeln über modernes Arbeiten, Startups, Yoga-Entschleunigung, Gesellschaftskritik, Trendempfehlungen. Er lebt den hierzulande noch recht unterrepräsentierten Gedanken des „Share the…“ (love, meal, spirit, irgendwie fast alles in seinem Fall). Das schafft neben Präsenz Sympathiepunkte, denn so viel Sendebedürfnis kann unmöglich aus reinem Was-kann-mir-das-bringen-Kalkül entspringen.

 

Ergänzt wird Schanzenbach von seinen Mitgründern Alexander Hilsky und Ronny Ullrich, die das ruhigere Pendant bilden, das jeder Ausgeflippte braucht, um zu wirken. Das Ergebnis ist wie ein gleichseitiges Dreieck: Es ist ausgewogen, kippelt nicht, balanciert nie zu nah an der Kante eines Extrems. 
 

3.) Absolute Überzeugung 
Imagebildung ist eine seltsame Sache – strahlt jemand unbeirrbar aus, dass alles unter seinen Händen ganz zweifellos zu purem Gold gedeiht, dann glauben ihm nach einer Weile alle. Irgendwann sogar unbesehen. CROMATICS liefern meist tolle Projekte ab. Aber auch diese Agentur macht manchmal Dinge, die eher „jupp, gut“ als „Halleluja, göttlich“ sind. Weil sie aber die Vorreiter-Rolle besetzen und oft begeistern, haben sie ein Lorbeeren-Plateau erreicht, dessen soghafte Sockelwirkung auf alles abstrahlt, was sie tun. Die innere Überzeugung des Teams bewirkt, dass sein Umfeld von vornherein wohlwollend und mit aktivierter Begeisterungsfähigkeit auf CROMATICS blickt. 

     

Beispiel super vs. solide

4.) Glaube an Kreativität, Wohlwollen, Community
Als sie ihre etwas ulkige Agentur-Uniform (handgefertigt von einem local hero natürlich) präsentierten und fortan stets mit diesen Collegejacken auftraten, als sie bei der von ihnen initiierten 99U Konferenz mit beinahe-verdrücktem Rührungstränchen treuherzig ihrer „family“ dankten und ihre Mitarbeiter meinten, als sie statt normale Weihnachtsgeschenke zu verschicken lieber ihrem inneren Bastelkind nachgaben, und auch in vielen weiteren Situationen hätte man sie belächeln können. 

Klar ist aber: Sie meinen das ernst. Es ist der unironische, gegen jegliche Einwände immune Entschluss, die Werte, die sie als Pyramidenspitze des Karmas nicht müde werden zu propagieren, selbst zu leben. 

Das bewirkt etwas. Zumindest in Momenten, in denen wir dem gestresstem, semizufriedendem Hasenherz in uns, das zweifelt, ob wir jemals so arbeiten und leben werden, wie ausgemalt, mehr Raum einräumen, als gut wäre. Dann fühlt es sich ähnlich an wie die Übung mit dem 60-Sekunden-Lächeln vor dem Spiegel, um unserem Gehirn vorzugaukeln, wir lachten, damit es Glückshormone rausrückt: Erst bisschen albern und peinlich, funktioniert aber trotzdem.

5.) Heroische Bildwelt
Das letzte Puzzleteil ist Fotograf und heißt Thomas Schlorke. Seine Spezialität: heroische Bildwelten kurz vor der Ekstase. Unter weltbewegend macht er es nicht, siehe die Bilder dieses Beitrags. Und da er die Kommunikation von CROMATICS schon lange visuell begleitet, atmet noch das profanste Kunden-Grafitti wilde Schönheit. 


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