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Barrierefreiheit im Netz - Was gehört alles dazu?

Dresden 12.04.2017
Philipp Michael ist Webprogrammierer bei XIMA im Bereich Drupal, OpenText WSM und Frontend. Er ist aber seit über zehn Jahren auch einer der dortigen Spezialisten für Barrierefreiheit im Netz. Ein Thema, das wir uns von ihm einmal ausführlich erklären ließen.

Gesetzlich ist die Barrierefreiheit im Netz in der Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung, kurz BITV 2.0, vom September 2011 verankert. Die Grundlagen basieren auf den internationalen Web Content Accessibility Guidelines”, kurz WCAG. In Deutschland wurde hierfür in enger Abstimmung mit Behindertenverbänden, Web-Dienstleistern und Experten für BITV ein Test entwickelt.
Verpflichtend ist die Verordnung bisher für die Online-Präsenzen von Bundesämtern, überregionalen gesetzlichen Krankenkassen und öffentlich-rechtlichen Stiftungen. Für alle anderen kann die Verordnung als Empfehlung gesehen werden.

Die formulierten Leitlinien der BITV lassen sich klar zusammenfassen: es geht um universelle Zugänglichkeit von Web-Inhalten. Benutzer mit oder ohne Seh-, Hör-, Lern- und anderen Beeinträchtigungen  – alle sollen den gleichen Zugang haben.
Klingt irgendwie selbstverständlich. Aber die Realität im Netz sieht ganz anders aus. Philipp Michael von XIMA erklärt:

“Viele Menschen mit Beeinträchtigungen müssen Software verwenden, die die Inhalte von Websites ausliest. Das kann solch eine Software aber nur so gut machen, wie es die jeweilige Website beziehungsweise die Arbeit des Programmierers ermöglicht. Was wir tun ist, dass wir Websites und deren Inhalte so konsequent und konsistent strukturieren, dass Screenreader wie beispielsweise NVDA sie besser verarbeiten und so Menschen mit Beeinträchtigungen bereitstellen können.”


Philipp Michael, XIMA-Spezialist für Barrierefreiheit im Netz

Aber nicht alle Menschen mit Beeinträchtigungen nutzen Screenreader. Oftmals sind es bereits Probleme wie Farbenblindheit oder die Bedürfnisse älterer Menschen, die zum Beispiel an Grauem Star leiden, die es erfordern, dass Websites auch dahingehend optimiert sind.

 


Beispiel für visuelle Beeinträchtigung wie Grauer Star oder Blinder Fleck; Quelle: XIMA

Alternativ-Text

Ein klassisches Problem im Bereich Barrierearmut sind Bilder im Netz. Denn die kann bisher kein Screenreader auslesen, da die Software schlichtweg das Motiv nicht erkennt. Lösung: Alternativ-Text. Eine hinterlegte Bildbeschreibung, die dafür sorgt, dass der Bildinhalt für den Screenreader auslesbar und durch die visuelle oder akustische Transkribierung für seh- oder hörbeeinträchtigte Menschen zugänglich wird. Genauso kann auch im Hinblick auf Videos oder Toninhalte verfahren werden. Philipp Michael erklärt die Umsetzung:

“Alternativ-Text ist auf der Website nicht sichtbar. Er ist lediglich die Quelle für den Screenreader. Der klassische Besucher einer Website bemerkt den Alternativ-Text somit überhaupt nicht, während der Website-Besucher mit Einschränkungen den Zugang gewinnt, der ihm sonst verwehrt geblieben wäre.”

Der Inhalt des Alternativ-Texts ist jedoch nicht Teil der Programmierung, wie Philipp Michael betont. Der Entwickler der Website kann lediglich die Struktur bereitstellen, die das Einpflegen des Alternativ-Textes durch den Redakteur ermöglicht. XIMA bietet seinen Kunden daher nicht nur barrierearme Websites, sondern schult außerdem das Bewusstsein für barrierearme Inhalte.

Positiver Nebeneffekt: Google kann die Bilder, Videos, Tondateien durch deren Beschreibungen auslesen, denn der Alternativ-Text wird von Suchmaschinen erfasst.

Barrierearmut testen

Eine Website ist nie barrierefrei, sondern immer nur barrierearm, da es immer einen gewissen Teil an Informationen einer Website gibt, die nicht barrierefrei sind, beziehungsweise nicht zu 100 Prozent barrierefrei gemacht werden können. Das erklärt Philipp Michael und stellt gleichzeitig vor, wie man Websites im Hinblick auf ihre Barrierearmut testet:

“Es gibt den den BITV-Test, bei dem Websites anhand von 50 verschiedenen Schritten geprüft werden. Wird ein Prüfschritt nicht oder nur teilweise erfüllt, gibt es Punktabzug. 80 von 100 möglichen Punkten kann man noch mit relativ geringem Aufwand erlangen. Wenn eine Kunde deutlich mehr Punkte bei diesem Test erzielen möchte, bedeutet das schlichtweg mehr Arbeitsumfang. Der Test analysiert nicht nur die Struktur und den Aufbau der Seiten, sondern beginnt schon beim Web-Design selbst. Das muss natürlich auch barrierearm sein. Das betrifft sowohl Schriftarten und Schriftgrößen als auch Farbwerte und Kontraste. Wenn im Design beispielsweise fokussierte Links nur durch die Textfarbe hervorgehoben werden, wird man eine geringere Punktzahl erreichen.”

An dieser Stelle wird deutlich, dass Barrierefreiheit ein Thema ist, dass sich bei weitem nicht nur an Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen richtet, sondern auch an alle älteren Personen, die an schwindender Sehkraft oder schlechtem Gehör leiden.

Umsetzung & Referenzen

Was die Umsetzung einer barrierearmen Website angeht, so geht XIMA wie folgt vor: Zunächst wird von der Agentur ein barrierearmes Design entwickelt. Daraus wird ein Prototyp programmiert und dieser dann entwicklungsbegleitend mit dem erwähnten Test geprüft. Testergebnis ist ein Prüfprotokoll, auf dessen Grundlage Optimierungen vorgenommen werden.

Erstellt hat XIMA schon viele barrierearme Websites. Zu den Kunden zählen die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTW), deren BITV-Ergebnisse hier eingesehen werden können. Außerdem hat die Agentur die Online Präsenz sachsen.de sowie das Bürgerbeteiligungsportal Sachsen erstellt, das im BITV-Test mit “95+ Punkten” sogar als “sehr gut zugänglich” eingestuft wurde. Beide Websites sind auch Beispiele, auf denen man sich unkompliziert die Inhalte online und direkt auf der Homepage vorlesen lassen kann.

Philipp Michael abschließend zum Thema Barrierearmut:

“Barrierearmut ist ein Bereich, bei dem jeder Programmierer sich selbst sensibilisieren muss. Am Ende sollte man sich stets fragen: Wenn ich nichts hören oder sehen könnte, würde ich die gleichen Informationen bekommen? Das ist letztlich ein Prozess, der mit jeder Website neu durchlaufen werden muss. Es ist aber eine Arbeit, die sich lohnt. Vor allem, wenn man Barrierearmut von vornherein anstrebt und umsetzt und nicht erst bei fertigen Websites nachträglich erreichen will. Am Ende ist es auch einfach ein ethischer Anspruch, den man für die Menschen im Netz umsetzen kann und sollte.”

Fazit: Die Zielgruppe für barrierearme Websites ist breiter als man zunächst denkt und nimmt allein schon durch die Alterung der Gesellschaft stetig zu. Und nach Aussage von XIMA steigt auch die Motivation aufseiten der Auftraggeber, Websites entsprechend umsetzen zu lassen. Trotzdem darf nichts über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Masse aller Websites alles andere als barrierearm ist und es noch ein langer Weg sein wird, bis sich dies ändert.

Bildquelle: XIMA 

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