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"Die Kirche verfolgt einen völlig anderen Nachhaltigkeitsansatz als herkömmliche Unternehmen"

Dresden 04.02.2016
WeichertMehner berät die katholischen Bistümer Ostdeutschlands, die erstmals in ihrer Geschichte ihre Finanzen offenlegen. Ein Interview über Transparenz und die Besonderheiten kirchlicher Finanzkommunikation.

Spätestens nach dem Finanzskandal um den Limburger Bischof Tebartz van Elst bemüht sich die katholische Kirche in Deutschland, transparenter zu kommunizieren. Die vier ostdeutschen Bistümer Dresden-Meißen, Erfurt, Magdeburg und Görlitz starten dazu eine Transparenzoffensive. Sie veröffentlichten im Dezember 2015 erstmals ihre Finanzberichte des Vorjahres.

Die Bistümer setzen damit vor allem auf Transparenz gegenüber Anspruchsgruppen wie Kirchenmitgliedern, Unterstützern oder Steuerzahlern. Das Ziel: Deutlich und verständlich offenlegen, über wie viel Vermögen sie verfügen und wie die finanziellen Mittel eingesetzt werden.

Hier können Sie den Finanzbericht des Bistums Dresden-Meißen einsehen. (via Bildlink)

 Quelle: Finanzbericht Bistum Dresden-Meißen
 


Die Dresdner Agentur WeichertMehner begleitete diese Offensive, Geschäftsführer Ulf Mehner spricht im Interview über das Projekt:

Wie haben Sie die Bistümer unterstützt? Welche Maßnahmen beinhaltet die Transparenz-Offensive?
Sie besteht hauptsächlich aus den Geschäftsberichten, die ab sofort Transparenz in die finanziellen Mittel der Bistümer bringen. Es handelt sich dabei also um klassisches Reporting – mit der Besonderheit, dass die Bistümer ihre Zahlen bisher nicht veröffentlicht haben.

Wir haben außerdem das Bistum Erfurt in Fragen der Medienkommunikation beraten und eine Kommunikationsstrategie entwickelt, die stark darauf abzielt, über die Finanzen zu informieren, die Summen einzuordnen und gleichzeitig die Leistungen des Bistums für Katholiken und andere gesellschaftliche Gruppen herauszuheben. Das ist gerade vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen der Kirchen und der Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens eine besondere Herausforderung.

Das öffentliche Interesse an der Verwendung von Kirchengeldern ist groß. Hat die Kirche zu lange geschwiegen? 
Körperschaften des öffentlichen Rechts, wie zum Beispiel viele Bistümer sind grundsätzlich nicht verpflichtet, ihre Zahlen offenzulegen. Die ostdeutschen Bistümer planen nun aber, regelmäßig Jahresberichte zu veröffentlichen. Auch, um  Bekanntheit und Image auszubauen. Es ist gut, dass sie damit begonnen haben. Ich glaube, sie folgen damit einem allgemeinen Trend: Immer mehr Akteure der Öffentlichkeit  bemühen sich um Transparenz. Das ist sehr begrüßenswert. Die meisten deutschen Bistümer bilanzieren inzwischen übrigens nach dem Handelsgesetzbuch. Das ist nicht immer leicht, denn wie bilanziert man zum Beispiel den Wert des Kölner Doms?

Innerhalb der Bistümer gibt es, ähnlich wie zwischen den Bundesländern auch, einen Finanzausgleich: Westliche Bistümer entsenden finanzielle Hilfe an Bistümer im Osten Deutschlands. Dieser Ausgleich wird in Zukunft abnehmen. Außerdem sind die Mitgliederzahlen der Kirchen bekanntermaßen rückläufig. Vor diesem Hintergrund legen Bistümer einen Großteil ihrer Gelder zurück, um auch in Zukunft ihre seelsorgerische Arbeit erledigen zu können.


Welche Besonderheiten gibt es bei der Kommunikation mit der Kirche? Und wie hat die Öffentlichkeit die Offensive aufgenommen?
Es gab nahezu ausschließlich positive Rückmeldungen für das bemühen um Transparenz, sowohl innerhalb der Bistümer, als auch von Journalisten und sonstigen Stakeholdern. Eine Besonderheit in der Kommunikation besteht darin, dass die Kirche 2000 Jahre alt ist – da ist langfristige Planbarkeit gefragt, anders als bei einem Unternehmen, das vielleicht zwei oder fünf Jahre in die Zukunft denkt. Außerdem haben die Bistümer keine Gewinnmaximierungs-Absichten, sie haben also einen völlig anderen Nachhaltigkeitsansatz als normale Unternehmen. Beim Einsatz der Mittel geht es deshalb nicht nur um Investitionen, sondern viel mehr um soziale, priesterliche, pastorale und seelsorgerische Aspekte. Eine Eigenheit ist auch, dass die Bistümer unterschiedliche Strukturen und Rechtsformen besitzen. Und natürlich ist die Kirche kein alltäglicher Kunde – die Bistümer sind sehr kommunikationsstark, wenn es um ihre Seelsorge und Kultur geht, Transparenz und Finanzkommunikation sind allerdings eher Neuland. Auch für uns, denn in der Bilanz dreht sich das Geschehen nicht nur um harte Unternehmensfakten, sondern eben auch um Glaubensarbeit.


Konzept & Gestaltung: C&M Sagurna Agentur, WeichertMehner Unternehmensberatung für Kommunikation (Zum Portfolio)

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