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Lass' uns Freunde bleiben - Wenn Freunde Agenturen gründen

Leipzig 24.07.2015
Die Agenturchefs von den Klickkomplizen, Artkolchose, ro:stoff media und pioneer communications – befreundet oder sogar verheiratet – verraten ihre Strategie: Wie funktioniert gemeinsam Chef sein und befreundet bleiben?

Sandy Kühn (beantwortete die Fragen) und Tina Fritze, befreundet, haben gemeinsam die Klickkomplizen gegründet

Wie funktioniert zusammen arbeiten und befreundet sein?
Zu Beginn unserer gemeinsamen beruflichen Karriere hat uns jeder davon abgeraten. Warum sollte man eine so langjährige Freundschaft auf eine so harte Probe stellen?

„Warum nicht?“ – haben wir uns vom ersten Tag an gedacht. Im Alltag helfen uns die getrennten Verantwortungsbereiche und sogar die eigenen Kompetenzen, in denen wir uns eher ergänzen als gegenseitig Konkurrenz machen. Nichtsdestotrotz treffen wir kaum eine Entscheidung wirklich allein und sprechen offen über alles. Es wird immer auch mal Frust geben – der muss aber schnell aus dem Weg geräumt werden, indem man ihn offen anspricht! Und an der einen oder anderen Stelle ist es sogar gut, befreundet zu sein: Man weiß genau, wie der andere tickt und welchen Ton man anschlagen sollte.

Offenheit und Ehrlichkeit müssen unter Freunden, die gemeinsam gründen, zu 100 Prozent bestehen, gerade was finanzielle Themen angeht. Wir finden auch getrennte Aufgabenbereiche wichtig. Förderlich ist natürlich auch, dass wir in den meisten Bereichen oft gleich denken und uns sehr gut ergänzen. Wenn es doch mal unterschiedliche Interessen gibt, muss man einen Mittelweg finden.  

Vorsorge im Streitfall
Tatsächlich ein guter Punkt, an den wir wahrscheinlich etwas zu naiv herangehen. Wir können uns aber auch keinen Streit vorstellen, der dazu führen könnte, dass einer von uns beiden Unternehmen und Freundschaft aufgeben würde. Es ist wahrscheinlich ein bisschen wie bei einer Scheidung. Letztendlich müsste einer von beiden gehen und die finanzielle Situation ist bei uns sowieso klar geregelt. 

Rat an andere, befreundete Geschäftsführer
Habt Mut, etwas gemeinsam zu beginnen. Die Früchte der gemeinsamen Arbeit zu genießen und gemeinsam darauf stolz zu sein, ist ein unbezahlbares Gefühl.
Aber seid euch bewusst, dass es auch scheitern kann. Vergesst nicht eure Freundschaft auch außerhalb der Arbeit zu pflegen. – Es kann sich immer kaum jemand vorstellen, dass wir sogar noch einen Großteil unserer Freizeit miteinander verbringen – tun wir aber.



Andreas Geisler (beantwortete die Fragen) und Sebastian Ullmann, befreundet, haben gemeinsam Artkolchose gegründet

Welche Regeln helfen im Alltag?
Da wir beide unterschiedliche Stärken haben, schlägt sich das von Beginn an auf unsere Tätigkeiten nieder. Sebi verantwortet bei uns die Webagentur, also den Bereich, an dem die von uns betreuten Marken den digitalen Raum betreten. Ich verantworte die Kreativagentur, also die Entwicklung der Markenstrategie mit dem Kunden und unserem Kreativteam, die Übertragung der Markenwerte in das Corporate Design bis hin zur Screendesign Entwicklung. An diesem Punkt arbeiten wir natürlich zusammen, weil die Schnittstelle Webentwicklung und Webdesign beide Expertisen verlangt. Aber natürlich gibt es auch zahlreiche Bereiche, die wir gemeinsam betreuen – zum Beispiel treffen wir Entscheidungen zu Personal, Investitionen, Beteiligungen an Pitches und unserer eigenen CI Entwicklung gemeinsam.
Wir arbeiten schon sehr lange in kreativen Projekten zusammen und konnten uns deshalb früh die Hörner abstoßen, bei Projekten, bei denen es um nichts ging außer Ruhm, Ehre und Selbstbestätigung. Das war eine gute Testphase - wie zum Beispiel bei unserem Spielfilmprojekt mit dem prophetischen Titel „Was ist wichtig“, das uns ganze drei Jahre gefesselt hat.

Ist die Sympathie füreinander gewachsen, gleich geblieben oder gesunken? 
Dadurch dass wir gezwungen sind, uns im alltäglichen Geschäft über sehr viele, grundsätzliche Dinge zu einigen, bringt uns das natürlich auch dazu, uns ständig miteinander zu befassen und zu diskutieren. Das klappt oft reibungslos, aber manchmal nötigt es auch viel Geduld und Verständnis für die jeweils andere Position ab. Ich würde sagen, wir schätzen und respektieren uns viel stärker als früher, weil wir gelernt haben, dass oft die Summe unserer Denkweisen uns bisher sehr erfolgreich gemacht hat.
Sebi war im vergangenen Jahr bei meiner Hochzeit mein Trauzeuge und hat mich beim Junggesellenabschied nicht im rosa Hasenkostüm durch die Stadt laufen lassen – vielleicht beantwortet auch das die Frage. 

In welchen Punkten gehen die Meinungen auseinander? Und welche Aspekte müssen stimmen, damit man dauerhaft zusammenarbeiten kann?
Das sind manchmal Fragen des Vertriebs und der Selbstvermarktung, natürlich auch Meinungen, oder wie wir mit Kundenfragen umgehen. Wir sind da doch sehr verschieden, aber das ist aus unserer Sicht ein großer Vorteil. Wir beziehen auch unser gesamtes Team mit ein, das stark unterschiedliche Persönlichkeiten umfasst. In unseren Markenentwicklungsprozessen hat sich diese „Denk-und Gestaltungsvielfalt“ bisher als großes Plus herauskristallisiert.
Um zusammen arbeiten zu können, ist es wichtig, erst mal jede Meinung, egal wie verquer sie erscheinen mag, gelten zu lassen, ihr Raum zu geben und sie offen zu diskutieren. Und es hilft, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und den Spaß im Team hochzuhalten.  



Ines Dietrich (beantwortete die Fragen) stieg bei ro:stoff media, der Agentur ihres Mannes Roy Dietrich, ein

Kennen-, und lieben gelernt haben wir uns 1997, ich war 17, Roy 18. Eine klassische Teenager-Liebe also. In dem Alter machst du keine Pläne und denkst nicht darüber nach, was, wann, wie und wo. Unser Motto war: „So lange es Spaß macht und sich richtig anfühlt, ist alles gut“. Diese Einstellung haben wir uns bewahrt und halten es mit der ro:stoff genauso: Roy hat die Agentur 2004 mit einem ehemaligen Kollegen gegründet und mich nach einem halben Jahr gefragt, ob ich die beiden nicht im kommunikativen Bereich unterstützen könne. Damals haben wir vereinbart, dass ich meinen Schreibtisch mitbringe und bleibe, so lange es unserer Beziehung nicht schadet. Knapp ein weiteres halbes Jahr später habe ich den früheren Gesellschafter ersetzt und bin nunmehr seit 2005 50 Prozent der Agentur.

Wir haben zu zweit angefangen und sind nach und nach gewachsen. Wir sind immer einen Schritt weiter gegangen, haben geschaut, was passiert und dann ging es weiter und weiter… Da wir beide dasselbe gelernt haben, überschnitten sich zu Beginn unsere Verantwortungsbereiche. Relativ schnell hat sich aber herausgestellt, dass unsere Herzen für unterschiedliche Dinge schlagen: Roy ist der kreative Kopf der Agentur und ich der Koordinative. Wir haben somit im täglichen Agenturgeschäft Schnittstellen, wenn ich zum Beispiel Projekte konzipiere, die Roy dann grafisch umsetzt. Oder Roy ein Design entwickelt, das ich dem Kunden verkaufe. Im Großen und Ganzen hat aber jeder seinen Verantwortungsbereich. Wir besprechen uns in allen Themen. Jeder behält seine 50 Prozent inne, wir entscheiden alles gemeinsam und müssen uns auch einig sein. Das geht los beim Kauf des Kaffeeautomaten, über Projekt-Kalkulationen bis hin zur Entscheidung, wen wir einstellen oder entlassen.

Unser Ziel ist es, sobald wir die Agentur verlassen, privat zu sein und alles Berufliche im Büro zu lassen. Inzwischen sind wir Eltern eines fünfjährigen Sohnes und der fordert seine Zeit ein. Das ein oder andere geschäftliche Wort fällt zwar zu Hause, aber privat soll privat bleiben. Wir würde niemals die Agentur in die Nähe unseres Hauses holen oder gar im Haus einquartieren.
Somit gibt es auch im Büro keine privaten Gefühlsduseleien oder Streitereien. Wir sind klar Mann und Frau, aber in erster Linie zwei gleichberechtigte Agentur-Chefs. Auf Augenhöhe miteinander zu sprechen, ist dabei am Wichtigsten. Sobald sich einer kleiner fühlt, beginnt der Stress.

Bei uns gibt es nach mehr als 18 gemeinsamen Jahren nicht mehr meine und deine. Es ist alles unser. Ohne den einen würde es den anderen so nicht geben - privat und geschäftlich. Wir sind den Weg gemeinsam bis hierin gegangen und wollen ihn auch weiter gemeinsam gehen. Daher haben wir in keinster Weise vorgesorgt, falls wir uns streiten sollten. Wenn es soweit ist, werden wir uns darüber Gedanken machen. Getreu unseres Mottos „so lange es Spaß macht und sich richtig anfühlt, ist alles gut“. Heute ist das, was zählt. Über morgen reden wir … morgen!



Benedict Rehbein (beantwortete die Fragen) und Alexander Witt, befreundet, haben gemeinsam pioneer communications gegründet

Welche Regeln helfen im Alltag?
Einen Regelkatalog gibt’s nicht, aber innerhalb der Firma haben wir mittlerweile getrennte Bereiche. Das war am Anfang nicht so, da hat jeder alles gemacht und wir haben auch immer doppelt drüber geschaut. Das ist unseres Erachtens auch ein wichtiger Punkt, zum Beispiel in Sachen Finanzen. Trotz aller Freundschaft musste geschäftlich das Vertrauen auch erst wachsen, am Anfang war es deshalb sehr gut, dass wir beide immer volle Einsicht in alles hatten, auch in die Bücher.

Alles wird langsam größer, pioneer wächst, wir stellen stetig neue Leute ein, nicht alle kennen den Background und unsere Freundschaft außerhalb des Büros. Generell achten wir deshalb darauf, dass wir im Büro auch die Balance halten und etwas anders miteinander umgehen als im privaten Bereich. Blöde Witze schieben wir meistens auf nach 18 Uhr.

Wie hat sich die Freundschaft verändert?
Da hat sich nicht viel verändert. Es gab Zeiten, da haben wir uns deutlich öfter gesehen und mehr gemacht, mit der eigenen Familie (ich habe zwei Kinder, Alex bald das erste) wird die Zeit da leider etwas knapper. Aber irgendwie schneiden wir uns immer noch mal was raus, ein gemeinsames Grill-Wochenende oder gemeinsamer Sport.

In welchen Punkten gehen die Meinungen auseinander? Und wie kann man damit umgehen?
Wir sind grundsätzlich recht verschiedene Typen und haben auch in Detailfragen unterschiedliche Meinungen. Zum Beispiel ist Alex eher der Zahlenmensch, ich der kreative Chaot. Auch was unsere internen Prozesse angeht, reiben wir uns immer mal wieder, aber das ist schon okay. Im Kern sind wir uns einig und waren es von Anfang an: Wir wollen eine ganz besondere Agentur aufbauen, die neue Wege der Kommunikation anbietet und auch selber lebt. Wir helfen unseren Kunden, geliebt zu werden. Und in der Sache sind wir uns einig.

Ein weiterer Aspekt kommt seit einiger Zeit dazu: Nerses Chopurian ist als dritter Gesellschafter hinzugekommen und hilft uns enorm dabei, das Wachstum zu organisieren. Jetzt haben wir also drei ganz unterschiedliche Charaktere – und noch mehr Schwungmasse.

Wichtig ist in jedem Fall die saubere Kommunikation. Wir haben uns auch schon richtig die Meinung gesagt, so ein reinigendes Gewitter gibt es alle halbe Jahre mal und da teilen wir alle gegenseitig aus. Aber wir tun es mit Respekt und mit offenem Visier und meistens sind die Dinge dann schon wieder viel besser, nachdem man sie einmal ausgesprochen hat. Wir können jedem nur empfehlen, solche gegenseitigen Feedbackrunden einzubauen und auch zu leben, weil sich dann gar kein größerer Frust aufstauen kann. Denn kein Job der Welt sollte eine gute Freundschaft zermürben dürfen.



AF

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