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MTR#22 - DIAF. Deutsches Institut für Animationsfilm.

Dresden 15.04.2014
Jan und Tini werden den meisten wohl kein Begriff mehr sein. Für diejenigen, die mit dem DDR Fernsehen aufgewachsen sind, aber schon. Die zwei Puppen waren Kinderstars. Mit ihrer Silberhummel fuhren sie durch die demokratische Republik, besuchten volkseigene Betriebe und schauten so hinter die Kulissen der sozialistischen Produktion. Propaganda hin oder her, nun sind sie im verdienten Ruhestand und haben ihre letzte Bleibe im Archiv des Deutschen Instituts für Animationsfilm Dresden, kurz DIAF, gefunden. Jan und Tini waren jetzt weniger Gesprächsthema mit dem DIAF-Geschäftsführer und künstlerischen Leiter André Eckardt, denn das Institut hat noch viel mehr zu bieten.

Das Deutsche Institut für Animationsfilm e.V. (DIAF) wurde 1993 in Dresden gegründet und ist europaweit einzigartig. Hier produzierte von 1955 bis 1990 das DEFA Trickfilmstudio in erster Linie Filme für das Kinder- und Familienpublikum. Dass sich über die Jahre ein wahrer Schatz an Puppen- und Silhouettenfilmen, Requisiten und Dekorationen angesammelt hat, klingt logisch. Im Archiv des Instituts, welches sich in den Räumlichkeiten der Technischen Sammlungen Dresden befindet, schlummern über 3000 Filmkopien aller klassischen Animationstechniken, über 1500 Puppenfiguren und über 3000 Requisitengegenstände, Zeichnungen und Bauten. Auch Jan und Tini stehen - wie Wächter - gleich im Eingangsbereich des Archivs. Aber auch Werbefilme sind darunter, die bis zum Werbeverbot im DDR Staatsfernsehen 1975 produziert wurden. Mit etwas Glück kommen mehr und mehr dazu.

Herr über diesen Schatz ist André Eckardt. Seit er 2008 die Geschäftsführung übernommen hat, versucht er das Institut international bekannt zu machen. Gemeinsam mit einem kleinen Team möchte er langfristig ein weitgreifendes Netzwerk zum deutschen Animationsfilm aufbauen, das entsprechende Institutionen der Archivierung, der Forschung, der Ausbildung und der Verwertung zusammenbringt. 

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Sputnika: Herr Eckardt, bevor wir über das DIAF sprechen, verraten Sie uns doch bitte wie Sie zum DIAF gekommen sind?

André Eckardt (A.E.): Am Ende meines Studiums hab ich mit Animationsfilm beschäftigt und das obwohl ich Anglistische Literatur studiert habe. Ich habe eine Magisterarbeit über die Gebrüder  Quay, ganz Große der internationalen Animationsfilmszene, geschrieben und benötigte Material. Das war Anfang der 2000er, als es noch darum ging, die Filme irgendwie auf VHS zu besorgen. Da war das DIAF eine ideale Adresse. Ich selbst kannte das vorher nicht. Meine Kollegin Ines Seifert hatte das DIAF über das Telefonbuch entdeckt. Ich bin also eher aus der Not heraus zum DIAF gekommen. Die Zusammenarbeit hat sich dann soweit intensiviert, dass wir gemeinsam mit dem Filmfest Dresden eine Veranstaltung gemacht haben. Eine Retrospektive, wo wir die Gebrüder Quay sogar eingeladen haben. Und so bin ich mehr und mehr mit dem DIAF zusammengekommen. Anfangs als freier Kurator für Programme und Konferenzen, später 2005 als wissenschaftlicher Mitarbeiter. 2008 ist meine Vorgängerin Sabine Scholze in den Ruhestand gegangen und hat mir ihre Aufgaben übertragen. Seit dem bin ich Geschäftsführer des DIAF. 

Welche Aufgaben hat das Institut?

A.E.: In erster Linie die Archivierung. Wir haben eine sehr große Sammlung zum deutschen Animationsfilm. Die reicht mittlerweile bis in die 30er Jahre zurück. Der zweite Punkt ist das Recherchieren und Forschen. Das heißt, diese Materialien einzuorden, zu kontextualisieren und aufzubereiten. Hier kooperieren wir mit Externen, wie beispielsweise Studenten und Wissenschaftlern. Und die dritte Aufgabe ist die Präsentation dieser Materialien. Dazu gehören Ausstellungen, Filmprogramme, Festivals, Retrospektiven sowohl in Dresden, aber auch national und vor allem international. Wir machen Ausstellungen von Tallinn bis nach Lissabon, von Rotterdam bis Wien. 

Es gibt Studenten die mit diesen Materialen wissenschaftlich arbeiten? Wozu?

A.E.: Beispielsweise gibt es an der HfBK Dresden einen Restaurierungsschwerpunkt, an der Universität Leipzig einen starken Fokus auf Kommunikationswissenschaften oder an der Universität Erfurt einen starken Fokus auf Kinderfilme. In Zusammenarbeit mit den Institutionen betreiben wir gemeinsam Forschung und Aufbereitung, weil wir das alleine niemals könnten. Meist initiieren wir Projekte und Studenten, Wissenschaftler und Forscher greifen bestimmten Themen auf und gehen tiefer darauf ein. Das können dann Abschluss- oder Forschungsarbeiten sein, aber auch Semesterarbeiten oder freie Projekte. 

Auf welchen Fundus können die Wissenschaftler zurückgreifen?

A.E.: Wir haben hier mittlerweile circa 3000 Filmkopien. Das Herzstück ist der Nachlass des DEFA Trickfilmstudios, welches bis 1990 in Dresden hier existierte. Aber wir haben in den letzten Jahren kontinuierlich dazugesammelt. Wir haben beispielsweise sehr viele Werbefilme vorliegen, die sowohl aus soziologischer und historischer Sicht sehr interessant, aber auch aus künstlerischer Sicht sehr wertvoll sind. Insbesondere spiegeln diese Aufnahmen die Entwicklung des Designs wieder und zeigen gestalterische Innovationen. Die Filmart der Animation ist ja sehr technikaffin. In vielen Filmen und deren Sequenzen kann man entdecken, dass etwas Neues probiert wurde. Das spiegelt sich natürlich auch in der Designentwicklung wieder. 

Sie haben alte Werbefilme im Archiv?

A.E.: Ja. Hier im DEFA Studio wurden Werbefilme für das DDR Fernsehen und für das Kinovorprogramm bis 1975 produziert. Dann trat das Werbeverbot in der DDR in Kraft. Die uns vorliegenden Filme dienten beispielsweise dazu, den Menschen das Thema Sparsamkeit näher zu bringen. Wir haben im letzten Jahr viele Werbefilme aus den 30er und 40er Jahren dazubekommen. Erst kürzlich hatte ich Kontakt mit einem Filmemacher aus Berlin, dem Filme aus den 70ern und 80ern vorliegen, weil er für den SFB Werbefilme produziert hat. Es kommt also mehr und mehr zusammen. Aktuell sind schätzungsweise 150 Filme und Werbeskizzen im Archiv vorliegend. Das ist sehr interessant, weil man in den unterschiedlichen Zeitepochen unterschiedliche Ansprachen genutzt hat, um Kunden für sich oder sein Produkt zu gewinnen. Diese unterschiedlichen Werbebotschaften, hat das DIAF zuletzt auch in seiner Ausstellung „50 Jahre Mainzelmännchen“ zeigen können. Diese Figuren sind ja ursprünglich dafür geschaffen worden, um auf den Werbeblock im Fernsehen hinzuweisen. Heute schauen sich Kinder diese Männchen an und werden gleichzeitig von Werbung infiltriert. 

Was sind denn die bedeutendsten Schätze die das DIAF beherbergt?

A.E.: Das sind zum Beispiel Animationspuppenfiguren von Achim Freyer, einem der bedeutendsten deutschen Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner der in der internationalen Opernszene große Erfolge feiert. Aber auch Dresdner Produktionen für das Ausland aus den 60er Jahren. Animationsfiguren aus Draht. Die sind jetzt hier nicht so bekannt. Trotzdem werden wir häufig von internationalen Institutionen danach angefragt, weil diese eben damals international vertrieben wurden. Die Schätze sind sehr breit. Auch aus der jüngeren Zeit, zum Beispiel von Raimund Krumme oder Andreas Hykade. Das sind schon Größen in der internationalen Animationsfilmszene. Wie gesagt, ist das Repertoire sehr breit. Wir versuchen,  zeitlich und stilistisch Filme aus allen Epochen des deutschen Animationsfilms zusammenzusammeln. Am Ende reicht es vielleicht für eine Dauerausstellung zur Historie des gesamten deutschen Animationsfilms.

Nun hat ein Archiv immer etwas Verstaubtes. Sachen werden eingepackt, verschlossen und für die Nachwelt aufgehoben. Gibt es beim DIAF auch Bezugspunkte zur modernen Animation?

A.E.: Ja natürlich. Wir machen jedes Jahr sehr viele Veranstaltungen und besuchen auch viele. Beispielsweise das größte Animationsfestival in Deutschland, das Trickfilmfestival Stuttgart. Dort kommt man zu vielen Kontakten und das öffnet uns viele Türen. Plötzlich kommt es ins Bewusstsein, dass es hier in Dresden diesen besonderen Ort gibt. Es gibt zwar deutsche Filmmuseen, die Animationsfilme sammeln, aber das sind meist die Highlights der Avantgarde der 20er Jahre oder Sachen wie Loriot. Aber der künstlerische Autorenfilm oder der Werbefilm steht dort weniger im Fokus, als. z.B. Spielfilmproduktionen. Dies ist jedoch unser Hauptsammlungsgebiet und macht uns einzigartig. Durch dieses Bewusstsein bekommen wir mittlerweile auch viel Material von aktuell produzierenden Filmemachern angeboten. Die Archivierung rein digital produzierter Filme, ist für uns strukturell ein Problem, aber zum Glück fangen die meisten Künstler mit Stift und Zettel an.  

Digitale Exponate findet man nicht im DIAF?

A.E.: Nein. Das bedürfte einer großen technischen Kapazität, die wir nicht leisten können. Wir wissen vom National Film Board of Canada, dass dort angefangen wurde, digitale Animationsfilme zu sammeln. Später kamen dann die Layer, dann die Software und am Ende auch noch Hardware dazu. Das können wir nicht leisten. Das benötigt einen großen technischen Fundus, denn man muss diese Sammlung ja irgendwann auch einmal dokumentieren. Dazu sind dann für die jeweilige Zeit aus welcher der Animationsfilm stammt, auch die Software und die Hardware notwendig. 

Wir hatten vorhin bereits kurz die Studenten und Wissenschaftler angesprochen, mit denen Ihr Institut zusammenarbeitet. Was sind denn die Zielgruppen Ihres Instituts?

A.E.: Über den gemeinsamen Nenner des Animationsfilmes versuchen wir verschiedene Zielgruppen zu erreichen. Dabei versuchen wir eine Brücke zwischen dem künstlerischen und dem klassischen Animationsfilm, also dem typischen Trickfilm, zu bauen. Unsere Zielgruppe ist das Familienpublikum per se, Filmemacher, Künstler und Designer. Wir arbeiten eng mit Filmhochschulen zusammen und darüber hinaus mit Institutionen, die dem Forschungsbereich zuzuordnen sind. 

Um die Vermarktung bei diesen Zielgruppen voranzutreiben, benötigen Sie Mittel. Für den Aufbau der Dauerausstellung haben Sie Bundesfördermittel erhalten. Für den Aufbau und Erhalts des Instituts bekommen Sie kontinuierliche Mittel von Land und Kommune. Sind Fördertöpfe die einzige Möglichkeit, finanzielle Mittel zu akquirieren? 

A.E.: Das stimmt. Wir werden seit 1993 kontinuierlich von Stadt und Land gefördert. Ein Archiv ist leider nicht sehr "sexy" und geschieht eher im Stillen. Wir leisten weniger Kulturarbeit, die auf große, massenkompatible Eventhöhepunkte hinarbeitet. Sie ist mit unserem künstlerischen Fokus zudem über das ganze Jahr verteilt. Das macht es schwierig, Unternehmen als Sponsoren zu gewinnen. Selbst für größere Ausstellungen ist das eine Tatsache. Theoretisch könnten wir zu "Ice Age" eine Ausstellung machen. Das ist aber nicht unser Anspruch. Wir möchten das zeigen, was den Animationsfilm in seiner Gesamtheit ausmacht. Zwischen diesem Anspruch und den öffentlichen Erwartungen zu spielen, ist für potentielle Sponsoren wenig greifbar. Demnach sind wir über die kontinuierliche öffentliche Förderung sehr froh, weil sie ermöglicht, den Blick auf die künstlerische Praxis zu lenken, die außerhalb des kommerziellen Kulturmarktes agiert.  

Damit stehen Sie aber im harten Wettbewerb zu allen anderen Museen, Dauerausstellungen und öffentlichen Besuchseinrichtungen, die am Fördertopf hängen. Bereitet Ihnen das nicht Kopfzerbrechen?

A.E.: Natürlich bereitet uns das Sorge. Vor allem weil die Fördergelder im öffentlichen Kulturbereich mehr und mehr zusammengekürzt werden. Wir setzen daher verstärkt auf Kooperationen, wie zum Beispiel mit den Technischen Sammlungen Dresden. Darüber sind wir auf der einen Seite sehr froh, weil es uns entlastet, auf der anderen Seite ist es natürlich ohne eigenes Haus sehr schade. Man kann halt nicht sagen: "Wir gehen jetzt ins Institut für deutschen Animationsfilm". Sondern man geht in die Technischen Sammlungen und besucht dort Ausstellungen des DIAF. Ähnlich verhält es sich beim Filmfest Dresden. Bei gemeinsamen Veranstaltungen gehen wir in der Vermarktung natürlich etwas unter. Damit verbauen wir uns natürlich ein wenig die öffentliche Wahrnehmung. Trotzdem - ohne diese Kooperationsstrukturen könnten wir nicht überleben. Daher erhalten diese Kooperationen weiterhin ein besonderes Augenmerk. Außerdem setzen wir weiterhin auf Kooperationen mit Universitäten, um das wissenschaftliche Standbein auszubauen. 

Welche Vermarktungskanäle außer denen der Technischen Sammlungen und denen des Filmfestes Dresden nutzen Sie noch?

A.E.: Wir nutzen stark unsere eigene Webpräsenz sowie facebook. Des Weiteren haben wir einen größeren E-Mail-Verteiler, den wir nutzen. Wir sind auf vielen Festivals zugegen, persönlich oder in Form von ausgelegten Kommunikationsmitteln. Und wir nutzen Multiplikatoren, die uns helfen, dass Festivals oder Institutionen gemeinsam mit uns im Ausstellungsbereich kooperieren wollen. Und wenn es dazu kommt, kooperieren wir natürlich auch mit deren Presseleuten und -verteiler. Insgesamt muss man sagen, dass wir da schon auf uns allein gestellt sind. Ines Seifert ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, leistet da tolle Arbeit, kann aber dafür auch nur maximal einen Tag pro Woche bereitstellen. Ich muss zugeben, dass unser Werbebudget super klein ist und damit unsere Vermarktung zu wünschen übrig lässt. Wir versuchen das ein wenig durch gute Optik wettzumachen und unsere Kommunikationsmittel entsprechend frisch aufzuwerten. Unterstützung bekommen wir da von der VOR Werbeagentur. 

Ansonsten sind wir viel im Ausland unterwegs. Wir machen viele internationale Ausstellungen, Filmprogramme und kooperieren mit internationalen Filmemachern. Damit versuchen wir das DIAF nach außen hin populär zu machen und gleichzeitig den deutschen Animationsfilm stärker nach außen zu vermitteln. Brückenschläge auf beiden Seiten sozusagen. 

Kennen Sie Benchmarks die das besser hinbekommen?

A.E.: Eigentlich nicht. Wir bekommen immer wieder vor allem aus dem europäischen und amerikanischen Raum das Feedback, dass dieses Institut mit seinem Profil eine Ausnahme darstellt. In den Niederlanden gab es bis zum vergangen Jahr ebenfalls ein Institut für Animationsfilm, welches aber nun in ein größeres Filmmuseum integriert wurde. Das National Film Board of Canada wird öffentlich mit einem Budget gefördert, welches international unerreicht ist. Das Budget dort ist über Jahre gewachsen. Sie haben Künstler langfristig an sich gebunden, die Struktur ist lange gewachsen und öffentlich gewollt. Die Fallhöhe ist also sehr groß. Auch wenn wir ein Alleinstellungsmerkmal mit diesem Institut in Deutschland und auch in Europa haben, sind wir uns bewusst, dass wir in einer Nische arbeiten. 

Letzte Frage, Herr Eckardt. Wie können denn Unternehmen mit dem DIAF zusammenkommen?

A.E.: Vielleicht liegen den Lesern von Sputnika, die dem Bereich Marketing zugehörig sind, noch Werbefilme ihrer Unternehmen vor. Das wäre eine interessante Kooperation. Wenn wir dadurch abbilden könnten, was sich in Dresden im Bereich Werbeanimation getan hat, wäre das doch sehr interessant. Ich selbst kenne nur Bruchstücke davon. Uns interessiert aber auch, wie Menschen heute Werbeanimationen entwickeln, ohne das sie vielleicht aus der klassischen Animation kommen. Ich möchte da jetzt keine Einschränkungen machen. Wenn man erst einmal die Materialen angeboten bekommt und sichtet, wird sich zeigen, was man damit anstellen kann. Ansonsten freuen wir uns auch auf die Filmrolle unterm Bettkasten. Ich glaube da gibt es noch viele Schätze zu heben.

  

So sei es, vielen Dank für das Interview. 


Interview: Tino V. Göbel
Fotos: Stephan Böhlig / Livemoment

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