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„Dann chatten die Mitarbeiter doch nur noch, oder?“

Leipzig 23.03.2015
Führungskräfte-Coach Konstantin Gerlach erklärt, wie Vorgesetzte im digitalen Zeitalter führen sollten. Weshalb er weder ein Büro hat, noch braucht. Und warum manchen Chef das Foto seines AviloX-Kollegen, der vom Campingplatz aus arbeitet, aus der Fassung bringt.

Was macht eine gute Führungskraft 2015 aus? Und wie lernt man Personalführung?
Ich halte Authentizität für die wichtigste Eigenschaft einer Führungskraft. Besonders im Hinblick auf persönliche Stärken und Schwächen. Wenn eine offene Arbeitskultur vorhanden ist, kann auch offen mit Schwächen umgegangen werden, um diese im Team aufzufangen und gemeinsam besser zu werden. Eine Führungskraft muss nicht mehr versuchen, den Allround-Held darzustellen. Vielmehr muss es ihr gelingen, Teams soweit zu befähigen, dass sie gemeinsam ihre beste Leistung hervorbringen können. Nichts desto trotz wird Führung immer eine herausgehobene Rolle sein, denn es braucht jemanden, der koordiniert, dirigiert, arrangiert und mit dem notwendigen Überblick die richtige Richtung navigiert.

Der sicherste Weg, eine gute Führungskraft zu werden, ist selbst unter guter Führung gestanden zu haben. Wenn einem dieser Weg versperrt ist, hilft es, sich Vorbilder aus seinem Umfeld zu suchen, um einen persönlichen Wertekanon zu entwickeln, der die eigene Richtung vorgibt. Wer seine eigenen Erfahrungen, egal ob gute oder schlechte, reflektiert, kann sich in seine Mitarbeiter hineinversetzten und erkennt die Auswirkungen des eigenen Handelns leichter. Ein Coaching ist da häufig sinnvoll, weil es nicht immer leicht ist, sich im Alltag aus der Vogelperspektive zu betrachten. 


Gibt’s typische „Chef-Phrasen“, die Sie in Ihren Beratungen immer wieder hören? 
Wollen Sie wirklich, dass ich Stromberg zitiere? Nein, im Ernst. Tatsächlich kommen Geschäftsführer und Führungskräfte mit Sorgen und Befürchtungen auf uns zu, wie beispielsweise: „Dann arbeiten die Mitarbeiter doch gar nicht mehr, sondern chatten nur noch“ oder „dann werden wir ja noch mehr mit Informationen zugeballert“. Bei Präsentationen zeigen wir gern das Foto unseres Kollegen Dirk, der von überall aus arbeitet, wie er vor seinem Campingwagen am Laptop sitzt und sehr selbstbestimmt seinen Arbeitsalltag organisiert. Da gibt es immer Getuschel, weil das extrem kontrovers ist. Der eine findet es total super, der andere sagt sich ‚Was ist denn das für eine Lotterwelt?‘

Und genau auf diese extrem verschiedenen Grundhaltungen treffen wir in Unternehmen. Die Einführung des digital vernetzten Unternehmens ist ein intensiver Veränderungsprozess für das Unternehmen ebenso wie für die Führung, der nicht mit der Implementierung interner sozialer Technologien getan ist. Hier ist eine ganzheitliche Organisationsentwicklung gefragt, die Technologie, Arbeitskultur und –organisation sowie die Unternehmensstrategie in Zusammenhang bringt. Das wird oft völlig unterschätzt. Wie man so einen Prozess gestaltet, haben wir gemeinsam mit zwei Co-Autoren im Buch „Willkommen in der neuen Arbeitswelt. So erwecken Sie ein Social Intranet zum Leben“ beschrieben, welches im Frühjahr rauskommt.


AviloX beschäftigt sich viel mit Leadership 2.0, was bedeutet das konkret?
Unter Leadership 2.0 verstehen wir Konzepte zur Führung im digitalen Zeitalter. Die digitale Transformation wirft nicht nur Geschäftsmodelle vieler Organisationen durcheinander, sondern verändert auch die Art und Weise, wie in Unternehmen kommuniziert und zusammengearbeitet wird. Immer mehr Unternehmen bringen interne soziale Technologien zum Einsatz. Leadership 2.0 trägt dieser Entwicklung Rechnung und meint vor dem Hintergrund nicht zuletzt die Fähigkeit zur virtuellen Führung. Gefragt ist dabei, soziale Technologien so in den Arbeitsprozessen zum Einsatz zu bringen, dass die Vorteile der „alten Welt“ und die Vorteile der „neuen Welt“ optimal miteinander verknüpft werden.

Die technologischen Möglichkeiten durch SharePoint, Connections oder Yammer aber auch die ständigen Veränderungen der äußeren Rahmenbedingungen stellen Führungskräfte zudem vor die Herausforderung, dass sich ihre eigenen Rollen und Aufgaben hin zum Netzwerker, Förderer eigenverantwortlicher Teamstrukturen und weg vom Kontrolleur und alles überblickenden Steuerer verschieben. Viele Führungskräfte tun sich damit schwer. 


Warum? 
Durch die Veränderungen in den Unternehmen hin zu modernen, vernetzten Arbeitsweisen werden einige traditionelle Führungsprinzipen auf den Kopf gestellt. Früher bedeutete Wissen ungeteilte Macht, nun soll Wissen ganz selbstverständlich geteilt werden. Früher wurde in Hierarchien und Bereichen gedacht, heute wollen Mitarbeiter verstärkt ihre Probleme ganz unabhängig von der Führungskraft, mit Hilfe ihres Netzwerks, regeln. Vor allem muss eine Führungskraft in der Lage sein, Verantwortung abzugeben, mehr Vertrauen in die Mitarbeiter zu setzen, dabei offen für den eigenen Verlust von Kontrolle sein und sich gleichzeitig selbst als Teil des Prozesses verstehen, bei dem die Mitarbeiter auch mal bessere Ideen als der Chef haben. Neue Arbeitsmodelle, wie Teilzeit- oder Home Office-Regelungen, erfordern außerdem andere Informations- und Kommunikationskompetenzen, um unabhängig von Arbeitszeit und –ort eine effektive und effiziente Zusammenarbeit zu gewährleisten. 


Wie innovativ sind die Führungskräfte im Raum Sachsen?
Zurzeit begleiten wir größtenteils Unternehmen aus den alten Bundesländern, die teilweise auch international aufgestellt sind. Langsam kommt das Thema aber auch in Mitteldeutschland an. Das moderne Arbeiten und Führen mit der Zuhilfenahme von Software mit Social Features wird aber häufig noch mit „Facebook-auf-Arbeit“ verwechselt. Damit sind Ängste, Befürchtungen und Vorurteile zum Thema Leadership 2.0 und modernem Arbeiten verbunden, die aufgefangen und klar auf den Tisch gebracht werden sollten. In unseren Gesprächen mit Kunden, aber auch aus eigener Erfahrung wird dann oft deutlich, dass diese Befürchtungen weniger mit der Technologie an sich und mehr mit der Kultur im Unternehmen zu tun haben.


Wie muss der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen, der die vielbeschworene Generation Y glücklich macht?
Ich halte generell nicht viel von diesen Generationsmustern! Ich möchte das an mir selber erklären. Ich bin zwei Meter groß, daher sind mir alle Büromöbel zu klein. Das stört mich! Das würde mich auch stören, wenn ich in einer anderen Generation großgeworden wäre. Fakt ist, ich arbeite besser bei mir zu Hause, denn da habe ich Möbel, die zu mir passen. Der Arbeitsplatz der Zukunft sollte aus meiner Sicht nicht an einer Generation ausgerichtet werden, sondern betrifft alle Anspruchsgruppen. Entscheidend ist eine Arbeitsorganisation und Kultur des Miteinanders zu schaffen, in der jeder so arbeiten kann, wie er am produktivsten ist und trotzdem gesund bleibt.

Wir bei AviloX verzichten zum Beispiel auf ein Büro, da wir dort und zu den Zeiten arbeiten wollen, wo wir am produktivsten und zufriedensten sind. Manche von uns fangen schon 5 Uhr an zu arbeiten und wollen die Ruhe der Morgenstunden nutzen und andere starten 10 Uhr, weil sie später einfach produktiver arbeiten können. Solange die eigene Flexibilität und Freiheit nicht die Freiheit der anderen Teammitglieder, die Qualität sowie Produktivität beschränkt, ist alles erlaubt. 

Allerdings muss man natürlich auch aufpassen. Wenn keiner mehr die Stunden zählt, werden es eben auch schnell mal mehr als gut für einen ist. Da ist Selbstdisziplin gefragt. Aber ein modernes Menschenbild geht davon aus, dass sich Personen am besten selbst kontrollieren. In einigen Unternehmen geht man inzwischen sogar so weit, dass die Mitarbeiter ihre eigenen Führungskräfte wählen dürfen. Das Gefühl kontrolliert zu werden ist in der Regel kein schönes. Unterstützung zu erfahren, Vertrauen und Freiheit zu genießen, sich untereinander zu vernetzen und in einem zum Teil selbstfestgelegten Maß Verantwortung zu übernehmen, kann dagegen eine tolle Erfahrung sein – für einen selbst und die gesamte Organisation. 


Konstantin Gerlach (26) studierte Philosophie und Wirtschaft in Witten-Herdecke und war als Mitglied des Organisationsteams bei der Konzeption und Durchführung des größten Kongresses für Familienunternehmen in Deutschland beteiligt. Dabei entdeckte er seine Faszination für die nachhaltige Unternehmensführung, welche er im Rahmen einer Tätigkeit bei einem Beratungsunternehmen für strategische Veränderungsprozesse weiter vertiefte. Gerlach ist der festen Überzeugung, dass sich Veränderungen nur dann erfolgreich im Unternehmen manifestieren, wenn der Wandel bei den Führungskräften selbst beginnt. Von Anfang an ist er bei der Leipziger AviloX GmbH tätig und beschäftigt sich vor allem mit den Schwerpunkten Social Intranet, Leadership 2.0, Ideenmanagement 2.0 und Open Innovation. Da Arbeit nur das halbe Leben ist, füllt er die restliche Zeit mit Basketball, Tauchen, Klettern und Reisen.


Bildquelle: flaticon.com/authors/freepik

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